Newsnational Donnerstag, 08.09.2011 |  Drucken

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Kein Märchen aus tausendundeiner Nacht

Der Bruch des 11. September 2001 enthält die Chance eines kulturellen Aufbruchs - Von Olaf Zimmermann und Gabriele Schulz

Wer sich vor elf Jahren entschloss, Islamwissenschaften zu studieren, wählte bewusst ein sogenanntes „Kleines Fach“. So mancher wurde sicherlich von seinen Eltern gefragt, wie er oder sie auf etwas so Abseitiges käme und was er oder sie damit wolle. Letztere Frage zielte auf den ohnehin begrenzten Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler ab, der bei den Islamwissenschaftlern noch prekärer war. Die Mitarbeiter der Museen für islamische Kunst waren Spezialisten, die sich mit einem Feld befassten, das exotisch war und ein bisschen – zumindest manchmal – an Märchen aus tausendundeiner Nacht erinnerte. Die zeitgenössische Kunst aus dem Nahen Osten spielte eine untergeordnete Rolle. Ein pragmatisches Verhältnis hatten deutsche Unternehmen unterschiedlichster Branchen zu den Ländern des Nahen Ostens beziehungsweise Nordafrikas. Sie konnten dort entweder ihre Waren absetzen oder aber waren als Auftragnehmer, beispielsweise aus der Bauindustrie, in diesen Ländern tätig. Die, wie man heute sagt, islamischen Länder waren gute Auftraggeber, die nur dann kritisch betrachtet wurden, wenn es um die Höhe des Rohölpreises ging.

Der 11. September 2001 änderte das vertraute Terrain schlagartig. Er war ein kultureller Bruch. Ein kultureller Bruch, weil auf einen Schlag deutlich wurde, dass die westliche Art und Weise zu leben und zu wirtschaften nicht allseits akzeptiert wird. Dieses traf den Westen besonders hart, da nach dem Ende des Kalten Krieges vielfach die Meinung vorherrschte, der Kapitalismus und mit ihm der westliche „way of life“ habe gesiegt. Es war darüber hinaus ein kultureller Bruch, weil auf einmal von „dem Moslem“ beziehungsweise „dem Islam“ gesprochen wurde. Viele selbsternannte oder auch dazu gemachte Experten konnten und können weiterhin in den Medien ihre Meinungen über den Islam verbreiten. Differenzierung ist scheinbar nicht gefragt. Ein besonders prägnantes Beispiel für die Pflege von Vorurteilen war der Anschlag in Norwegen im Juli dieses Jahres. Ein, wie man so schön sagt, Bio-Norweger verübte ein grässliches Attentat im Osloer Regierungsviertel und der Insel Utøya. Junge Menschen, die in Utøya diskutieren und feiern wollten, wurden erschossen. In den Medien, und zwar unabhängig davon, ob es sich um den öffentlich-rechtlichen oder den privaten Rundfunk handelte, war direkt nach dem Anschlag, als der Attentäter noch nicht bekannt war, von islamistischem Terror die Rede und die „Experten“ wussten sogleich die Spuren zu deuten. Dieses wahrlich schreckliche Beispiel zeigt, wie eingeschränkt die Wahrnehmung seit dem 11. September 2001 ist. Wenn etwas Ungeheuerliches passiert, ein Terroranschlag oder ein Attentat, ist der erste Verdacht: Ein Islamist hat dieses zu verantworten und das obwohl von den 249 Terroranschlägen, die in der EU im letzten Jahr zu beklagen waren, „nur“ drei einen islamistischen Hintergrund hatten.


"Wenn etwas Ungeheuerliches passiert, ein Terroranschlag oder ein Attentat, ist der erste Verdacht: Ein Islamist hat dieses zu verantworten und das obwohl von den 249 Terroranschlägen, die in der EU im letzten Jahr zu beklagen waren, „nur“ drei einen islamistischen Hintergrund hatten"

Verräterische Sprache und die Kraft der Relgion

Allein das Wort „Islamist“ ist ein weiterer Beleg für die veränderte Betrachtung von Menschen islamischen Glaubens. Als Ende der 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland die „das Boot ist voll-Position“ gegenüber Asylbewerbern weit verbreitet war, wurden aus Asylbewerbern auf einmal Asylanten. Diese rein sprachliche Abwertung war auch ein politisches Signal. Auf einer ähnlich subtilen Ebene des Bedeutungswandels findet die sprachliche Beschreibung von Menschen muslimischen Glaubens statt. Allzu schnell ist von Islamisten und von islamistischer Haltung die Rede. Es wird darüber hinaus oft quantifiziert. Die Moslems sind viele. Ihre Familien haben viele Kinder. Männer unterdrücken ihre Frauen, Väter verbieten ihren Töchtern den Sportunterricht. Vorurteile, Pauschalisierungen und subtile Abwertungen feiern fröhlich Urständ. Eine undifferenzierte Betrachtung von Menschen muslimischen Glaubens konnte sich seit dem 11. September vielfach durchsetzen.

Dass selbst sogenannte Eliten davon erfasst sind, zeigt das Beispiel Thilo Sarrazin. Nicht nur, dass es bemerkenswert ist, dass ein ehemaliger Bahnmanager, Finanzsenator und Bundesbankvorstandsmitglied biologistische Ideen verbreitet, die eigentlich seit 1945 in Deutschland keinen Nachhall mehr finden sollten. Noch bemerkenswerter ist, dass ihm von den Medien so viel Aufmerksamkeit zuteil wird, sodass seine Thesen tatsächlich eine weite Verbreitung finden. Im vergangenen Jahr reihte sich im Zuge des Erscheinens des Buches „Deutschland schafft sich ab“ Talkshow an Talkshow, in denen entweder er selbst zu Wort kam oder sich zumindest mit seinen Thesen befasst wurde. In seriösen Zeitungen waren Vorabdrucke zu lesen. Erst im Juli dieses Jahres verschaffte das Kulturmagazin aspekte (ZDF) flankiert von der „Springerpresse“ (Welt, Bams und Bild) Thilo Sarrazin erneut einen Auftritt, um seine Thesen von „faulen muslimischen Türken und Arabern“, die von Hartz IV leben, zu verbreiten.

Und der Kulturbereich, ist er stumm? Wir denken nein, aber er war und ist nach wie vor verstört. Verstört über die Kraft der Religion. Verstört über den Angriff auf die westliche Welt. Verstört über den eigenen Umgang mit dem Fremden und mit den Fremden.

Kraft der Religin

Die Religion spielte bis zum 11. September 2001 in Deutschland eine untergeordnete Rolle. Selbstverständlich war und ist es jedem selbst überlassen, einer Religionsgemeinschaft anzugehören. Ob jemand glaubt oder nicht, ist Privatsache und die Kirchen sind oftmals moralische Stimmen, die aus guter alter Gewohnheit gefragt werden. Spätestens mit der Wiedervereinigung war die Säkularisierung in Deutschland allgemein akzeptiert. Insbesondere die Kunst hatte sich emanzipiert von der Religion und zwar nicht nur mit Blick auf die Kirche als Auftraggeber für Künstler, sondern auch hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Religion. Strenge religiöse Vorgaben sind spätestens mit der Bildungsoffensive in den 1970er Jahren passé gewesen. Das katholische Mädchen aus Niederbayern als Sinnbild für verpasste Bildungschancen dient allenfalls noch als Erinnerung für überwundene Zeiten. Einige Künstler verarbeiteten zwar ihre eigenen religiösen Erfahrungen künstlerisch, doch dieses hatte längst nicht mehr die Sprengkraft wie etwa das berühmte Tryptychon von Max Ernst „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ aus dem Jahr 1926. Religion schien für die Kunst an Kraft verloren zu haben. Kunst wurde zur Ersatzreligion der Säkularisation. Der 11. September bricht damit. Auf einmal wird anschaulich, welche Kraft religiöse Überzeugungen entfalten können im positiven wie im negativen Sinne. Dass sie aber eine solche Kraft haben, hat gerade auch im Kulturbereich für Irritationen gesorgt.

Angriff auf die westliche Welt und Bruch und Aufbruch

Mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Zerfall der Sowjetunion, dem Auseinanderfallen des Warschauer Pakts und letztlich der Vereinigung der beiden deutschen Staaten schien die westliche Welt den Wettbewerb der Systeme gewonnen zu haben. Dieser Wettbewerb der Systeme hat die politischen Akteure, aber ebenso die kulturelle Öffentlichkeit dermaßen in Atem gehalten, dass das Aufkommen anderer Strömungen im Nahen Osten, in der arabischen Welt oder auch in Nordafrika kaum zur Kenntnis genommen wurden. – Abgesehen vom Konflikt um Israel und Palästina, der aber eine ganz eigene spezielle Geschichte hat.

Dass in islamisch geprägten Ländern die westliche Art zu leben, zu wirtschaften und zu arbeiten auf Ablehnung stößt, verwirrte gerade jene, die meinten, den Sieg der Systeme errungen zu haben. Es erstaunte jene, die gesellschaftliche Freiheiten mühsam erkämpft hatten. Freiheiten wie das Zeigen des nackten Körpers, gleichgeschlechtliche Liebe, die Emanzipation, den Aufstieg durch Bildung und mehr. Und es ließ jene nicht nur im Osten Deutschlands sprachlos werden, denen durch den Untergang „ihres“ Systems die Alternative abhanden gekommen ist.

Wer noch in Erinnerung hat, wie die Wiedereröffnung des Goethe-Instituts und die Einrichtung von Mädchenschulen in Afghanistan nach dem vermeintlichen Sieg über die Taliban gefeiert wurde, hat den stillen Stoßseufzer noch im Ohr, dass die westliche Welt mit ihren Werten wie Gleichberechtigung der Geschlechter doch gesiegt haben könnte. Dass dieses ein Trugschluss

Kein Märchen aus tausendundeiner Nacht war, kann beinahe täglich den Nachrichten entnommen werden. Umgang mit den Fremden Der 11. September stellte aber auch den eigenen Umgang mit den Fremden auf eine Probe. Wie sieht es aus mit der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst aus Ländern des Orients? Welche Rolle spielt die Kunst der in Deutschland schon lange lebenden Migranten muslimischen Glaubens? Interessiert, welche Bedeutung die Religion für ihr künstlerisches Schaffen hat, tatsächlich? Und überhaupt, wie werden Migranten wahrgenommen? Sind alle Migranten auf einmal Muslime? Wird dabei nicht allzu schnell vergessen, dass die ersten Arbeitsmigranten aus katholisch geprägten Ländern wie Spanien und Italien kamen? Und vor allem, und das ist für den Kulturbereich die schmerzlichste Erfahrung, war nicht allzu oft von der verbindenden Kraft der Kultur und viel zu wenig vom Trennenden die Rede? Wurde nicht viel zu selten beachtet, dass Kultur unter anderem bedeutet zu unterscheiden.

Bruch und Aufbruch

Wir sind fest davon überzeugt, dass, so befremdlich es auch klingen mag, der Bruch des 11. September 2001 die Chance eines kulturellen Aufbruchs enthält. Im Deutschen Kulturrat wäre es vor 9/11 sicherlich kaum denkbar gewesen, sich intensiv mit dem Thema Kultur und Kirche oder wie jetzt mit dem Themenkomplex Islam ∙ Kultur ∙ Politik auseinanderzusetzen, da dieses als zu abseitig, fast gestrig, gewirkt hätte. Es ist gut, wenn viel bekannter wird, wie vielgestaltig der Islam ist. Welche unterschiedlichen Ausprägungen es gibt, welche Reformbestrebungen, wie sich islamische Theologen mit den Größen der christlichen Theologie auseinandersetzen. Wenn das Bewusstsein für die enge Verbindung der großen monotheistischen Religionen geschärft wird und wenn die Verbindungen deutlicher erkennbar werden.

Es ist erfreulich, wenn neben der Islamwissenschaft, die die islamisch geprägte Welt erforscht und damit einen geografischen Raum von Nordafrika bis Südasien in den Blick nimmt, auch islamische Theologie jetzt einen Stellenwert an den deutschen Hochschulen erhält. Die Etablierung der islamischen Theologie wird sicherlich nicht nur die Arbeit in den Moscheegemeinden, sondern ebenso die Auslegung des Korans verändern. Wenn ein Dialog mit den christlichen Fakultäten entsteht, ist dies sicherlich eine Bereicherung. Und wer heute Islamwissenschaft studiert, belegt kein Nischenstudium mehr. Islamexperten sind nicht nur bei den Sicherheitsbehörden gesuchte Spezialisten.

Es ist positiv, wenn anerkannt wird, dass immerhin 4 Millionen Menschen in Deutschland leben, die muslimischen Glaubens sind und dass diese Gläubigen ebenfalls Anspruch auf religiöse Orte haben. Wenn diese religiösen Orte auch noch architektonisch anspruchsvoll gestaltet werden, umso besser.

Es ist nicht verkehrt, wenn die Auseinandersetzung mit dem Islam auch dazu führt, sich der eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln zu versichern und sei es auch nur, um festzustellen, sie tatsächlich gekappt zu haben. Und nicht zuletzt bietet der erwähnte Bruch – ungeachtet aller mit ihm verbundenen Tragik – die Chance neugierig, mit offenen Augen und Ohren auf die Kunst aus islamisch geprägten Ländern sowie die künstlerischen Ausdrucksformen hier lebender Muslime zu schauen und zu hören. Es liegt auch an uns, welche Wirkungen der 11. September 2001 in der Zukunft entfalten kann.

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Gabriele Schulz ist stellvertretende Geschäftsführerin

Zuerst erschienen in Islam Kultur Politik, Dossier des Deutschen Kulturrates
Im unteren Link kann dieses Dossier bestellt werden oder als pdf (siehe ebenfalls Link) eingelesen werden.




Lesen Sie dazu auch:
Dossier "Islam, Kultur und Politik" des Deutschen Kulturrates zum 11. September, u.a. einen Artikel von Aiman Mazyek: "Um Jahre zurückgeworfen"

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