Leserbriefe Montag, 08.10.2001 |  Drucken

Leserbriefe



Gudrun Wollmann schrieb:



Osama bin Laden scheint ja eine ganz besondere Haßliebe zu den USA zu seinem Handeln zu inspirieren.

Offensichtlich kann er es nicht verkraften, daß die USA ihn zunächst umworben hat und ihn dann aus machtpolitischem Kalkül wieder fallen ließ.

Nur was das alles mit dem Islam zu tun hat, verstehe ich nicht.

Wäre der Islam das Herzensanliegen von Osama bin Laden, so hätte er längst die Möglichkeit gehabt, mit seinem Vermögen den Notleidenden in Afghanistan zu helfen, er hätte mit seinem Wissen die darniederliegende Wirtschaft aufbauen und stabilisieren können. Und das alles so, wie er meint, daß es dem Koran entspricht.

Stattdessen benutzt er die Unzufriedenheit und teils verständliche Schuldzuweisung an die USA, um Notleidende so zu manipulieren, daß sie mit ihm in seinem persönlichen Rachezug sympathisieren. Er mißbraucht das Bedürfnis nach innerem Halt junger Leute und deren Neigung komplexe Probleme mit möglichst einfachen Mittel zu lösen, um sie so zu formen, daß sie ihr eigenes Leben und das ihrer Familie zerstören und außerdem noch am Lebensrecht anderer Menschen schuldig werden.

Wenn es Osama bin Laden um die Erhaltung und die Reinheit des islamischen Glaubens ginge, hätte er genügend Möglichkeit vor der eigenen Haustür zu kehren. Seine Vorwürfe gegen den Kapitalismus des Westens, gegen die Macht derer, die das Geld und damit auch das Sagen haben, die durch ihren Lebenswandel die Bevölkerung davon abhalten, an den von Gott Allen geschenkten Gütern teilzuhaben und sich gleichermaßen daran zu erfreuen, gilt sowohl für diejenigen arabischen Staaten, deren herrschende Elite im Überfluß schwelgt und aus deren Wurzeln Osama bin Laden stammt, als auch für diejenigen, die ihr Geld in Waffen anlegen und ihr Volk verhungern lassen, um damit der Welt ein schlechtes Gewissen einzujagen und sie handlungsunfähig zu machen.

Hätte Osama bin Laden erst den Balken im eigenen Auge entdeckt und zu entfernen versucht, so hätte er all‘ denen im Westen geholfen, die Kritik üben und mit ihrem Einsatz Strukturen zu verändern suchen, die nicht nur dem Islam, sondern genauso dem Christentum und dem Judentum widersprechen. Und die in ihrem Versuch, gegen den Gott Mammon den Kampf der Liebe zu führen, Verbündete auf der ganzen Welt und in allen Religionen dringend brauchen.Statt dessen polarisiert er und zwingt zu Solidaritäten, die bei Vielen gegen eigene Überzeugungen verstößt, nur um seinen unheiligen, persönlich motivierten Krieg führen zu können.

Wir hier in Deutschland wissen davon, wie der größenwahnsinnige Haß eines Einzelnen dazu führen kann, daß ein ganzes Volk sich ins Unglück verführen läßt. Die Argumente waren sich anfangs sehr ähnlich. Wir haben Jahrzehnte dazu gebraucht, um überhaupt nur zu verstehen, was damals passiert ist und können es wirklich niemanden wünschen, daß er das gleiche Schicksal durchläuft.

Wir wissen vor allem, wie notwendig es ist, daß die Bereitschaft zum Dialog nicht abbricht. Wie notwendig es ist, sich miteinander auseinanderzusetzen, gemeinsame Lösungen zu finden. Wir können im Westen eine Menge lernen von denen, die gläubig verwurzelt im Islam, die Macht Gottes höher einschätzen als die des Profits. Wir können jedoch nicht den Weg rückgängig machen, den Gott in seinem Offenbarungswillen mit der Welt gegangen ist und uns an Gesetzen der Vergangenheit orientieren.

Im Christentum gibt es ein theologisches Problem, das menschlich unlösbar erscheint. Es ist dies die Person des Jünger Jesu Judas. Als Jesusjünger beansprucht er all‘ die Segnungen und Verheißungen, die die anderen Jünger auch für sich beanspruchen können, da Gott sich nicht irrt und sich nicht im Nachhinein korrigiert. Und dennoch ist er der Verräter Jesu. Der Jünger, ohne den Jesus nicht zum auferstandenen und gegenwärtigen Christus, die Menschheit in ihrer Unvollkommenheit beschützend, korrigierend und vorwärtsbringend, geworden wäre. Judas ist sozusagen ein "notwendiger Verräter", ein göttliches Mysterium, das wir mit unserem Verstand und unserer Vorstellung von Recht und Ordnung nicht begreifen.

Lassen Sie uns Herrn Osama bin Laden der barmherzigen Gerechtigkeit Gottes übergeben und darum beten, daß die Völker in Afghanistan und Pakistan vom Krieg verschont bleiben und sich alles im Sinne aller Gottgläubigen zum Guten wende.


Mit freundlichem Gruß,

Gudrun Wollmann


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