Newsnational Montag, 24.03.2025 |  Drucken

Kann der Dialog zwischen Muslimen und Juden noch gelingen nach den Nahostkriegen?

Rezension: „Israel, 7. Oktober: Judenhass, Muslimhass und die deutsche Suche nach Identität – Eine muslimische Perspektive“ von Muhammad Sameer Murtaza

Muhammad Sameer Murtazas Buch „Israel, 7. Oktober: Judenhass, Muslimhass und die deutsche Suche nach Identität – Eine muslimische Perspektive“ ist ein eindringliches, mutiges und zeitgemäßes Werk, das sich mit den komplexen und oft schmerzhaften Dynamiken zwischen Juden und Muslimen, Israelis und Palästinensern sowie den Auswirkungen dieser Konflikte auf die deutsche Gesellschaft auseinandersetzt. Der Autor, ein renommierter Islamwissenschaftler und Philosoph, bietet eine tiefgründige Analyse, die sowohl historische als auch aktuelle Perspektiven vereint und dabei immer wieder den Fokus auf die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens legt. Das Buch wird durch zwei Vorworte eingeleitet, die die Bedeutung und Dringlichkeit der behandelten Themen unterstreichen. Aiman Mazyek, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, betont in seinem Vorwort die Notwendigkeit eines offenen und ehrlichen Dialogs zwischen Juden und Muslimen: „Jüdisch-muslimische Beziehungen kompetent und mit Nachhaltigkeit zu moderieren und zu leben, erscheint derzeit angesichts des fürchterlichen Nahostkrieges schier aussichtslos. Doch es hat eine sehr große, besondere Bedeutung, ja es ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft und den Frieden unter den Religionsgemeinschaften unerlässlich.“ David Ranan, ein jüdischer Autor und Forscher, hebt in seinem Vorwort die unterschiedliche Behandlung von Juden und Muslimen in Deutschland hervor: „Im Gegensatz zu den Juden in der Bundesrepublik Deutschland und ihren Gemeinden, die eine vom deutschen Establishment regelmäßig umworbene Minderheit sind, werden die Muslime hier bestenfalls geduldet. In der Tat ist es nicht leicht, in Deutschland Muslim zu sein.“


Ein eindringliches, mutiges und zeitgemäßes Werk, das sich mit den komplexen und oft schmerzhaften Dynamiken zwischen Juden und Muslimen, Israelis und Palästinensern sowie den Auswirkungen dieser Konflikte auf die deutsche Gesellschaft auseinandersetzt

Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt, die verschiedene Aspekte des Themas beleuchten. Murtaza beginnt mit der Frage, wie Juden und Muslime nach den jüngsten Ereignissen noch zusammenfinden können, und plädiert dafür, dass beide Gemeinschaften sich gemeinsam für den Frieden stark machen. Er analysiert den Terror als Bruch von Werten und Normen und setzt sich mit der Rolle der Religion auseinander, sowohl in einer Metabetrachtung als auch in Bezug auf ihre Bedeutung für den Frieden. Ein weiteres zentrales Thema ist die deutsche Identitätspolitik, in der Muslime oft als gesellschaftstragend, Juden hingegen als staatstragend betrachtet werden. Murtaza kritisiert die Dämonisierung von Muslimen und die Rufe nach einem Islamischen Staat, die er als Ausdruck einer tiefen Krise innerhalb der muslimischen Gemeinschaft sieht. Er untersucht auch die Genese des islamisch verbrämten Antisemitismus und setzt sich mit der Frage auseinander, was Staatsräson bedeutet und wie sie nach dem 7. Oktober 2023 neu gedacht werden muss. In seinem Kapitel „Mehr Demokratie wagen!“ plädiert er für eine stärkere demokratische Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen und schließt mit einem Appell für Menschlichkeit und Frieden. Obwohl Murtaza ein anerkannter Wissenschaftler ist, präsentiert er seine Gedanken in einer klaren und zugänglichen Sprache, die sowohl für Fachleute als auch für Laien verständlich ist. Seine Argumente sind fundiert, auch wenn sie bewusst mit akademischen Verweisen nicht unterfüttert sind. Ein möglicher Kritikpunkt könnte sein, dass das Buch aufgrund seiner Struktur als Sammlung von Artikeln und Vorträgen manchmal etwas repetitiv wirkt. Dennoch ist dies ein kleines Manko angesichts der Tiefe und Dringlichkeit der behandelten. Murtaza verwahrt sich davor, Muslime zu stigmatisieren und auszugrenzen, und fordert eine klare Positionierung gegen Gewalt und für Menschlichkeit. Er plädiert dafür, dass Deutschland seine Waffenlieferungen an Israel einstellt und sich für eine Waffenruhe und eine Zwei-Staaten-Lösung einsetzt.



„Israel, 7. Oktober: Judenhass, Muslimhass und die deutsche Suche nach Identität – Eine muslimische Perspektive“ Muhammad Sameer Murtazas neustes Werk

„Israel, 7. Oktober: Judenhass, Muslimhass und die deutsche Suche nach Identität – Eine muslimische Perspektive“ Muhammad Sameer Murtazas neustes Werk
Er kritisiert auch die deutsche Politik, die oft von Muslimen erwartet, sich von Gewalt zu distanzieren und die deutsche Geschichte zu übernehmen, während sie gleichzeitig ihre eigenen Bedürfnisse und Schmerzen ignoriert. Er schreibt: „Ob Habecks unterschwellige Botschaft, dass das Recht der muslimischen Minderheit auf Schutz vor Gewalt und Diskriminierung abhängig von ihrem Wohlverhalten ist, ob Steinmeiers Aufruf an arabischstämmige und muslimische Deutsche, sich von der Hamas zu distanzieren, oder die Stigmatisierung und Ausgrenzung muslimischer Mitbürger im CDU-Grundsatzprogramm als nicht dazugehörig, wenn sie sich nicht der deutschen Leitkultur unterwerfen – das gesellschaftliche Feindbild Muslime ist endgültig Teil der politischen Mitte geworden.“ Diese Aussage unterstreicht Murtazas Kritik an der zunehmenden Dämonisierung von Muslimen in der deutschen Politik und Gesellschaft. Er betont, dass solche Botschaften verfassungswidrig sind, da die Grundrechte und die deutsche Staatsbürgerschaft nicht an eine Leitkultur oder „artiges Verhalten“ gekoppelt sind, sondern an das Grundgesetz. Murtaza betont, dass eine Zukunft, die ausschließlich auf Feindseligkeit basiert, keine Perspektive bietet. Er plädiert dafür, aus der Vergangenheit zu lernen, ohne sich von ihr gefangen nehmen zu lassen. Dabei kritisiert er sowohl das Versagen der Politik als auch die Ignoranz des Westens, die oft dazu beitragen, dass die Gewalt weiter eskaliert.

Als wissenschaftlicher Referent beim jüdisch-muslimischen Bildungswerk Maimonides und Mitarbeiter der Stiftung Weltethos ist Murtaza ein überzeugter Verfechter des Dialogs zwischen Juden und Muslimen. Er zeigt auf, wie wichtig es ist, Vorurteile abzubauen und gemeinsame Werte zu betonen, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Murtaza setzt sich dabei auch mit der deutschen Identität auseinander, insbesondere vor dem Hintergrund der historischen Verantwortung Deutschlands. Er fragt, wie eine Gesellschaft, die Auschwitz erfand, heute mit Judenhass und Muslimhass umgehen kann und wie sie eine integrative Identität entwickeln kann, die sowohl autochthone Deutsche als auch neue Deutsche einschließt.


Murtaza stellt auch die Frage nach einem möglichen Frieden im Nahen Osten: „Welchen Frieden kann es im Nahen Osten geben, der zugleich das angespannte Verhältnis zwischen Juden und Muslimen entspannt? Welche Art von Frieden sollten wir gemeinsam anstreben? Sicher keinen zionistischen Frieden, der mittels Gewalteinsatz, Besatzung und Vertreibung aufgezwungen wird. Ebenso wenig einen islamisch-ideologischen Frieden, der zu den gleichen Mitteln greifen würde. Auch keinen jüdischen oder muslimischen Frieden, haben sich doch beide Religionsgemeinschaften oftmals von diesem Konflikt instrumentalisieren lassen und somit ihre Glaubwürdigkeit als Friedensstifter verloren.“ Diese Passage zeigt Murtazas differenzierte Sicht auf den Konflikt und seine Ablehnung von einseitigen Lösungen, die auf Gewalt und Unterdrückung basieren. Stattdessen plädiert er für einen Frieden, der auf Dialog, Gerechtigkeit und gegenseitigem Respekt beruht. Insgesamt ist „Israel, 7. Oktober“ ein wichtiges und notwendiges Buch, das zum Nachdenken anregt und Wege aus der Spirale der Gewalt aufzeigt. Murtazas muslimische Perspektive ist dabei nicht nur eine Bereicherung für den interreligiösen Dialog, sondern auch ein Aufruf an alle, sich aktiv für eine friedlichere und gerechtere Zukunft einzusetzen. Dieses Buch ist eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit den aktuellen Konflikten im Nahen Osten, mit interreligiösen Beziehungen und mit der deutschen Identität im 21. Jahrhundert auseinandersetzen möchten.Ein aufschlussreiches und mutiges Werk, das trotz kleiner struktureller Schwächen durch seine inhaltliche Tiefe und Relevanz überzeugt. (Aiman Mazyek)






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