Artikel Donnerstag, 04.08.2022 |  Drucken


Dr. Jürgen Micksch am Rednerpult. Hinter ihm halten die Vertreter der verschiedenen Religionen eine Kerze - Im Gedenken an die ezidischen Opfer
Dr. Jürgen Micksch am Rednerpult. Hinter ihm halten die Vertreter der verschiedenen Religionen eine Kerze - Im Gedenken an die ezidischen Opfer

Jürgen Micksch: Gedenken an Völkermord an Êzîden – Mit Beteiligung des ZMD

Am 3. August 2022 gedenken in der Frankfurter Paulskirche Vertreter aus Religionen, Politik und Gesellschaft der Opfer des Völkermords an den Êzîden durch den „IS“ vor acht Jahren. ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek war dabei

Theologe und Soziologe Dr. Jürgen Micksch, Geschäftsführer des Abrahamischen Forums in Deutschland und Vorstand der Stiftung gegen Rassismus, gedenkt in seiner Rede gemeinsam mit verschiedenen Religionsgemeinschaft den ezidischen Opfern des Völkermords durch den „IS“ und verdeutlicht die damit verbundene Solidarität und den Einsatz für ein friedliches Miteinander. Hier seine Rede:  

"Liebe Frau Dlovani, liebe Teilnehmende, vielen Dank für die Einladung des Abrahamischen Forums in Deutschland und des Arbeitskreises „Religionen laden ein“, dem Persönlichkeiten aus neun Religionsgemeinschaften angehören. Vertretungen dieser Religionsgemeinschaften erinnern heute gemeinsam an die Verfolgung von ezidischen Menschen.

Leider kann nicht jede Religionsgemeinschaft mit einer Vertretung zu Ihnen sprechen. Stellvertretend bin ich vom Arbeitskreis um eine Ansprache gebeten worden, während der unsere  gemeinsame Verbundenheit  mit Kerzen zum Ausdruck gebracht wird.

Ich nenne die Persönlichkeiten aus verschiedenen Religionsgemeinschaften, die heute teilnehmen und sich solidarisch mit den Ezidinnen und Eziden zeigen. Ich beginne mit den ältesten Religionen:

 -  Daniel Neumann ist Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden     in Hessen und vertritt die jüdische Religionsgemeinschaft,
-  Anjali George ist Vorstandsmitglied im Rat der Religionen Frankfurt am Main      und nimmt teil für die Hindus in Deutschland,
-  Barbara Reichart ist Ratsmitglied der Deutschen Buddhistischen Union und     kommt aus München,
-  Zemfira Dlovani  nimmt teil als Vorsitzende des Zentralrats der Eziden in    Deutschland,
-  Archimandrit Gregorios Sorovakos von der Griechisch-Orthodoxen Metropolie vertritt die christlichen Religionsgemeinschaften,   
-  Aiman Mazyek ist der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, er ist für die islamischen Religionsgemeinschaften aus Berlin angereist,
-  Sarabjit Singh vertritt den Rat der Sikh-Religion in Deutschland und
-  Louisa Knospe ist die Vertreterin der Baha’i-Gemeinde in Frankfurt.

Gemeinsam erinnern wir an die Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staates (IS) an der ezidischen Bevölkerung: Über 5.000 Ezidinnen und Eziden sind seit 2014 bei diesem Völkermord zu Tode gekommen. Eine halbe Million Menschen wurden über Nacht zu Geflüchteten.

Obwohl der sogenannte IS im Irak als offiziell besiegt gilt, fühlen sich viele ezidische Menschen weiterhin nicht sicher. Sie sind immer noch als Minderheit bedroht, Tausende sitzen in Flüchtlingslagern fest und können nicht in Sicherheit in ihrer Heimat leben. Deswegen stehen wir weiterhin in Solidarität an der Seite der Ezidinnen und Eziden.

Alle unsere Religionsgemeinschaften kennen aus ihrer Geschichte Erfahrungen mit Zeiten der Verfolgung. Und das gilt bis heute. Deshalb ist es  wichtig, dass Religionsgemeinschaften zusammenhalten und sich gemeinsam für ein friedliches Miteinander einsetzen. Dazu gehört es, die Vielfalt der Religionen positiv wahrzunehmen. Dann können wir Gemeinsamkeiten schätzen, andere Standpunkte anerkennen und Unterschiede akzeptieren.

Dankbar sind wir, dass der Zentralrat der Eziden in Deutschland bereits zum Beginn seiner Satzung als Ziel seiner Tätigkeit formuliert, „den interreligiösen Dialog zu pflegen und zu fördern“.

Religionen haben großen Einfluss auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Gemeinsam haben sie die Aufgabe, Verbrechen wie Völkermorde zu verhindern. Nach den entsetzlichen Erfahrungen insbesondere von Armeniern und Juden im 20. Jahrhundert ist diese Aufgabe im 21. Jahrhundert nicht kleiner geworden. Ohne die Unterstützung durch den russisch-orthodoxen Patriarchen und den russischen Großmufti wäre es nicht möglich gewesen, den verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beginnen.

Im heutigen Deutschland gilt es zusammenzustehen angesichts der Diskriminierungen und tätlichen Angriffe auf religiöse Minderheiten wie jüdische Menschen und Ihre Einrichtungen, auf Muslime oder Sikhs. Auch daran erinnern wir am heutigen Tag.

Mit Religionen verbinden sich Werte wie gute Nachbarschaft, Gerechtigkeit, Friede oder die Bewahrung der Schöpfung. Und zugleich gibt es extremistische Ideologien und Terrororganisationen, die mit ihrem Glaubensverständnis Hass bis hin zu Kriegen gegen Menschen anderen Glaubens rechtfertigen.

Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Islamische Staat. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat betont: „Der sogenannte Islamische Staat ist eine Ideologie, die sich nicht mit muslimischen Werten vereinbaren lässt. Es handelt  sich um eine kriminelle Organisation.“ Und Aiman Mazyek ergänzt dazu als Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland: „ Wir trauern heute mit anderen Religionsgemeinschaften um die Menschen, die von Anhängern des sogenannten Islamischen Staates vergewaltigt, verschleppt und ermordet worden sind.“

Die Kerzen erinnern an die verfolgten ezidischen Menschen und bringen die Verbundenheit mit ihnen zum Ausdruck. Gemeinsam können wir den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärken. Gemeinsam können wir zu einer menschenfreundlichen Welt beitragen, die durch Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung geprägt ist.“



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