Newsnational Mittwoch, 23.02.2022 |  Drucken


Schulunterricht kann zu aufgeklärter Meinungsbildung beitragen oder -wie in Siegburg- Vorurteile verfestigen
Schulunterricht kann zu aufgeklärter Meinungsbildung beitragen oder -wie in Siegburg- Vorurteile verfestigen

NRW: Schule entschuldigt sich nach Rassismus in Schulbuch

Im Gespräch mit islam.de beurteilt Riem Spielhaus, Leiterin der Abteilung Wissen im Umbruch am Leibniz-Institut für Bildungsmedien, den Rassismus-Eklat aus Sicht der Schulbuchforschung

Düsseldorf/Siegburg Nach Rassismusvorwürfen gegen ein Gymnasium in Siegburg überprüft das nordrhein-westfälische Schulministerium seit Dienstag letzter Woche ein Schulbuch. Die Prüfung der Beschwerde läuft derzeit noch. Zudem werde der Verlag aufgefordert, das Buch zu überarbeiten, teilte das Ministerium in Düsseldorf der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mit. "Schulen sind Orte des Miteinanders, an denen es keinen Platz für Ausgrenzung und Vorurteile in welcher Form auch immer gibt", erklärte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Oberstufenschülerinnen und -schüler des Gymnasiums Siegburg Alleestraße hatten im Philosophieunterricht eine Aufgabe aus einem Schulbuch bearbeitet. Medienberichten zufolge sollten sie in Gruppenarbeit folgenden Fall diskutieren: Ein türkischstämmiges Mädchen in Deutschland wird von ihrem Vater zur Hochzeit mit einem Cousin gezwungen, damit dieser aus der Türkei nach Deutschland kommen kann. Wegen der "vorurteilsbehafteten Aufgabenstellung" beschwerte sich die Föderation Türkischer Elternvereine in NRW beim Schulministerium. Die Prüfung der Beschwerde seitens des Ministeriums ist noch nicht abgeschlossen. Jedoch hat das Ministerium verlauten lassen, dass die Aufgabe "gegen das Kriterium der Diskriminierungsfreiheit" verstoße. Die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung Köln berate und begleite die Schule nun bei der Aufarbeitung.

Das Gymnasium bezog auf seiner Internetseite Stellung. Ziel der Unterrichtseinheit war es demnach, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit Vorurteilen und Stigmatisierung auseinandersetzen. "Dabei konnte der Eindruck entstehen, hier würden Stereotype bewusst gegen eine Minderheit eingesetzt", so die Schule. "Dies ist nicht der Fall, und es wird auch niemals der Fall sein." Das Gymnasium, das seit mehreren Jahren Mitglied im Programm "Schule gegen Rassismus" ist, sprach dennoch eine Entschuldigung aus und sicherte zu: "Wir sind eine offene, tolerante und internationale Schule."


Prof. Dr. Riem Spielhaus, leitet die Abteilung "Wissen im Umbruch" am Leibniz-Institut für Internationale Schulbuchforschung

Prof. Dr. Riem Spielhaus, leitet die Abteilung "Wissen im Umbruch" am Leibniz-Institut für Internationale Schulbuchforschung
Sicht der Schulbuchforschung

Im Zuge des Eklats hat sich das Leibniz-Institut für Bildungsmedien die hitzig debattierte Schulbuchseite genau angeschaut und befand, dass in ihr mehrere Inhalte tendenziell dazu geeignet sind Vorurteile zu verstärken. Die Zulassung eines Schulbuches bewahre demnach nicht davor, dass stereotypisierte Inhalte transportiert werden.  

Für Islam.de beurteilt die dortige Leiterin der Abteilung "Wissen im Umbruch“, Riem Spielhaus, die gegenwärtige gesellschaftliche Kontroverse aus Sicht der Schulbuchforschung. Spielhaus stellt eindringlich fest, dass die Aufgabenstellung nicht im Kontext einer Diskussion über ihre komplexen Sachverhalte aufbereitet wurde. Viel mehr wird darauf abgezielt sie als, „möglichst deviant – also in ihrer Ethik abweichend und in größtmöglichem Kontrast zur vermeintlich hier geltenden Normvorstellungen darzustellen“.

In vorurteilsbehafteten Themenfeldern sei demnach sehr große Sensibilität gefragt, dies gelte nicht zuletzt für den Islam und die Darstellung von Muslimen. „Der mutmaßliche Antagonismus zwischen Islam und deutscher Gesellschaft ist allerding nicht allein in Schulbüchern zu finden, er ist vielmehr bereits in einer Reihe von Lehrplänen verankert“, stellt Spielhaus ernüchternd fest.

In diesem Zusammenhang richtet Spielhaus die Frage an Autoren und Herausgeber, ob die verwendeten Beispiele und deren Darstellung in den Bildungsmedien aus ihrer Sicht wirklich geeignet scheinen, „Phänomene der Lebenswelt vorurteilsfrei ohne verfrühte Klassifizierung“, wie es laut dem seit 2014 geltenden Lehrplan für Philosophie in NRW heißt, zu beschreiben.

Dialog statt Diffamierung

Spielhaus stellt in Aussicht, dass für die Diskussion solcher Fragen zum Beispiel die Deutsche Islamkonferenz eine geeignete Plattform bieten könnte, wenn hierfür eine Zusammenarbeit mit der Kultusministerkonferenz (KMK) in Betracht gezogen werden könnte.

Zum Schluss plädiert Spielhaus dafür, dass die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Stereotypen nur gelingen kann, „wenn Beschwerden von Schüler*innen und Eltern ernst genommen und bearbeitet werden. Vor allem bedarf es einer Diskussionskultur, die Eltern, Schüler*innen, Lehrkräfte und Bildungsmedienverlage über die Herausforderungen des Miteinanders ins Gespräch bringt. Indem - wie aus der Presse zu erfahren war - Ministerium, Verlag und Schule Kontakt aufgenommen haben, kann diese Debatte aus Sicht der Schulbuchforschung als gutes Beispiel für einen Dialog über Bildungsmedien verstanden werden.“

Seit 2020 bietet das GEI gemeinsam mit dem Museum für Islamische Kunst Workshops für Bildungsmedien verlagsübergreifend für Schulbuchautor*innen und Herausgeber*innen zu Islamthemen an. Auf der Web-Plattform des Leibniz-Instituts für Vielfalt im Klassenzimmer „zwischentoene.info“ sind exemplarische Unterrichtsmaterialien veröffentlicht, die Lehrkräften u.a. Sequenzen zur Islamthematik zur Verfügung stellen.




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