Leserbriefe Mittwoch, 10.10.2001 |  Drucken

Leserbriefe



A.A. schrieb:



An Jaira,

ich empfehle Ihnen, mal mit Kopftuchträgerinnen über das Kopftuch zu sprechen und nicht nur mit Ihren eigenen Freundinnen.
Dann würden Sie z.B. folgendes erfahren:

- daß die absolute Mehrheit dieser Frauen das Kopftuch aus eigenem Willen trägt, und nicht auf Verlangen des Ehemannes oder der Familie.

- daß es eine Reihe von Frauen gibt, die das Tragen des Kopftuches gegen den Willen Ihrer Familien durchsetzen, oder bereit sind, ihren Job deswegen zu verlieren.

- daß es eine Vielzahl von muslimischen Frauen gibt, die das Kopftuch gerne tragen würden, aber aus Angst vor den Reaktionen der Bevölkerung in Deutschland nicht den Mut finden (das erlebe ich immer wieder, sowohl bei geborenen Muslimas als auch bei konvertierten).

- daß ein Kopftuch weder die freie Bewegung verhindert (ich fahre z.B. gerne Fahrrad), noch das Sprechen (ich habe z.B. an der Universität Tutorien gegeben).

Als emanzipierte, mitteleuropäische Frau habe ich mich vor Jahren, als ich zum Islam konvertiert bin, für das Kopftuch entschieden, ohne jemals eine Koranschule betreten zu haben, und obwohl mein Mann zu diesem Zeitpunkt der Meinung war, ein Kopftuch sei in Deutschland nicht unbedingt notwendig. Nun kann man natürlich behaupten, ich sei fundamentalistisch manipuliert und sich die Sache damit leicht machen - nur nicht nachdenken müssen und den eigenen Standpunkt eventuell in Frage stellen! Aber so einfach ist es nicht.

Die islamische Kleidung (damit meine ich natürlich nicht den Ganzkörperschleier, den ich auch ablehne), also lange, weite Kleidung und das Kopftuch, hat mir folgendes gebracht:

- Ich werde - im Gegensatz zu früher – nicht mehr belästigt.

- Ich bin auf meiner Arbeit nicht den Anzüglichkeiten meiner männlichen Kollegen ausgesetzt - im Gegensatz zu einigen meiner Kolleginnen.

- Ich werde nicht mehr nach meinem Aussehen beurteilt (außer von Leuten wie Ihnen „fundamentalistisch manipuliert“, aber das stört mich nicht), sondern die Menschen müssen – weil ich von meinem Äußeren nicht viel zeige - mich nach dem beurteilen, was ich sage, und wie ich mich verhalte. Wenn jemand mit mir spricht, weiß ich, daß er sich für meine Person und meine Ansichten interessiert und nicht für mein Äußeres.

- Bei mir und meinen muslimischen Schwestern spielen Schlankheits- und Fitnesswahn, Traummaße, Solariumbräune, Cellulits-Angst, Speckröllchenphobie u.ä. – im Gegensatz zu meinen deutschen Bekannten - keine Rolle. Magersuchtund Bulemie sind hier, wie übrigens in den muslimischen Ländern im allgemeinen, unbekannt. Folge einer Einstellung zu sich selbst, die nicht auf äußeren, sondern auf inneren Werten basiert.

Grundlage der Emanzipation ist für mich nicht das An- oder Ausziehen von bestimmten Kleidungsstücken, sondern v.a.:

- der freie Zugang zur Bildung (ich studiere)

- die Möglichkeit zur Arbeit (ich arbeite)

- freie Verfügung über den eigenen Besitz (ich führe mein eigenes Konto)

Fakt ist:
- Nach einem (1400 Jahre alten) Ausspruch des Propheten – Friede sei mit ihm – ist die Suche nach Wissen Pflicht für jeden Muslim und jede Muslima. Ein Beispiel für die Folgen: Einer der Begründer der muslimische Rechtsschulen, Imam asch-Schafi’i hat bei einer Frau, Nafisa, Vorlesungen gehört. (Soviel zu der Aussage es gäbe keine muslimischen Gelehrtinnen.) In Europa war den Frauen bis ins 19. Jh. das Studieren verwehrt.

- In Deutschland durfte eine Frau bis in die 60er Jahre nicht ohne Erlaubnis des Ehemannes über ein Konto verfügen, der Islam hat dagegen vor 1400 Jahren die Gütertrennung in der Ehe, und damit die finanzielle Eigenständigkeit der Frau festgeschrieben.

Tatsache ist, daß muslimische Frauen in verschiedenen Ländern unter Mißachtung der Lehren unterdrückt werden. Dies ist zu verurteilen, und die muslimsche Welt muß in der Tat dafür sorgen, daß das aufhört. Tatsache ist aber auch, daß in Deutschland jede fünfte-siebte (nach unterschiedlichen Schätzungen) Frau von ihrem Ehemann oder Partner geschlagen wird, und jede dritte Frau Erfahrungen mit Gewalt gemacht hat. Spricht man hier von christlicher oder meinetwegen atheistischer Frauenunterdrückung? Wahrscheinlich haben Sie ihr gesamtes Wissen über Frauen im Islam aus den Massenmedien, die ja kaum eine Gelegenheit auslassen, den interessierten Zuschauern und Lesern kundzutun, wie schlecht es den muslimischen Frauen doch geht.

Wußten Sie jedoch

- daß in den Vereinigten Arabischen Emiraten (ein muslimisches Land) 60\% der Studierenden Frauen sind (Stand 1998)?

- daß in Malaysien (ein muslimisches Land) 50\% der Frauen arbeiten (Stand 1995)?

- daß es im Iran (ein muslimisches Land) mehr Frauen im Parlament gibt als in manchen europäischen Ländern?

Ich bin Deutsche und Muslima und ich trage ein Kopftuch, wollen Sie mich deswegen aus meiner Heimat ausweisen und in ein „fundamentalistisches Land“ schicken?! Gut, daß die Gesetze in Deutschland besser sind als ein Teil derer, auf die sie angewendet werden.

Die Diffamierung und Herabsetzung des „Anderen“, sei es eine Kultur oder eine Religion, hat in den meisten Fällen die Funktion, den eigenen Überlegenheitsanspruch zu manifestieren - ein gefährliches Muster, das in der Geschichte der Menschheit schon zu viel Unheil geführt hat.

Für eine Welt, in der die Menschen sich ihrer selbt so sicher sind, daß sie das „Andere“ neben sich stehen lassen können, ohne es als „schlechter“ abqualifizieren zu müssen.

A.A.


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