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Dienstag, 07.03.2023


Premierminister Narendra Modi

Hinter Indiens G20-Vorsitz gedeiht der Hindu-Nationalismus

Während Premierminister Narendra Modi als G20-Vorsitzender weltpolitisch glänzt, ist die Religionsfreiheit im freien Fall, werden Muslime und Christen von radikalen Hindus verfolgt

Neu Delhi (KNA) In Indiens Hauptstadt Neu Delhi geben sich 2023/24 die Mächtigen der Welt die Klinke in die Hand. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) war gerade da; Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) traf beim Gipfel der G20-Außenminister auf ihre Kollegen aus Russland und China. Papst Franziskus will Indien 2024 besuchen. Während Premierminister Narendra Modi als G20-Vorsitzender weltpolitisch glänzt, ist die Religionsfreiheit im freien Fall, werden Muslime und Christen von radikalen Hindus verfolgt.

Modi (72) genießt die Rolle als Partner der großen Mächte im Ringen um eine neue Weltordnung. Sein Tanz auf der internationalen Bühne ist zudem der perfekte Start ins Wahljahr 2024, das dem Hindu-Nationalisten eine dritte Amtszeit bescheren könnte. Schon jetzt steht er mit seinem Höhenflug vom einfachen Teeverkäufer zu einem der mächtigsten Männer der Welt und Chef einer führenden Wirtschaftsmacht als einzigartige Gestalt der indischen Geschichte da.

Die große geopolitische Frage lautet: Wie wird sich die Atommacht Indien im Ringen zwischen Washington, Moskau und Peking um eine neue Weltordnung positionieren? Traditionell ist Indien wirtschaftlich, politisch und militärisch mit Russland verbunden. Bei der jüngsten UN-Resolution zum Krieg Russlands gegen die Ukraine hat sich Indien enthalten. Mit China hingegen teilt sich das Land eine Grenze, die immer wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen war. Das spornt Indien an, sich westlichen Staaten, die ihre Abhängigkeit von China verringern wollen, als Wirtschafts- und Handelspartner zu empfehlen.

Jugend unterstützt Hindu-Nationalismus

Zuhause ist Modi schon jetzt extrem populär, obwohl sich seine vollmundigen Wahlversprechen von blühenden Landschaften nie so recht materialisiert haben. "Ein junges Indien steht entschieden hinter Premierminister Modis rechtspolitischem Politik-Kurs", schrieb Elias Marini Schäfer von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Neu Delhi im November in seiner Analyse "Gewählt, geliebt, geachtet - Einblicke hinter die Kulissen des Politik-Erfolgsmodells Narendra Modi". Bei den Parlamentswahlen 2019 wählten 41 Prozent der 18- bis 22-Jährigen die Indische Volkspartei (BJP) Modis, der virtuos auf der Klaviatur der Sozialen Medien spielt.

Modi, so Schäfer, sei das Kunststück gelungen, dem alten "Hindutva-Gebräu" mit dem Versprechen einer "kapitalistischen Fabelwelt im Gewand des hinduistischen Kulturnationalismus" neues Leben einzuhauchen. Laut der Hindutva-Ideologie sind die Hindus das Volk Indiens, während Christen und Muslime "bestenfalls Ausländer, schlimmstenfalls Invasoren, Terroristen und Staatsfeinde" seien mit "dem Vorhaben, die Hindu-Nation zu zerschlagen". Modi habe sich auf dieser Basis erfolgreich als "Hindu der Herzen" inszeniert, der Glaube und Tradition mit einem Image als "technikaffiner und unternehmensfreundlicher Reformer" verbinde.

Anders als die jahrzehntelang regierenden englischsprachigen, im Westen ausgebildeten Politikern und Technokraten der Kongresspartei der Nehru-Gandhi-Familie gebe sich der Vegetarier und Asket Modi zudem als ein "authentischer" Politiker, der seine Reden ausschließlich auf Hindi halte. "Modis Narrativ fiel bei den Bevölkerungsmassen auf fruchtbaren Boden, indem er sich die 'Sprache der Unterdrückten' zu eigen machte und seine Partei als anti-elitäre und unbestechliche politische Kraft darstellt", schreibt Schäfer. Eine der Folgen sei, dass viele Bürger eine zunehmende Intoleranz der BJP gegen religiöse Minderheiten und die politische Opposition in Kauf nähmen - solange die Regierung den Eindruck erweckte, entschlossen gegen korrupte Eliten vorzugehen.

Westen nimmt Gewalt gegen religiöse Minderheiten in Kauf

Modis wahre Regierungsbilanz fällt angesichts einer schrumpfenden Wirtschaft, der weltweit höchsten Zahl absolut armer Menschen, von Korruption im System Modi und dessen enger Verbindung mit Milliardären wie dem kontroversen Wirtschaftsmogul Gautam Adani eher nüchtern aus.

So mancher Diskriminierte unter den rund 1,38 Milliarden Indern befürchtet, dass die westlichen G20-Staaten angesichts der politischen Weltlage mit Russland und China als Gegner die Intoleranz der BJP gegen religiöse Minderheiten und Opposition hinnehmen werden. Viele Katholiken treibt zudem die Sorge um, Modi könnte im Wahlkampf die Visite von Papst Franziskus instrumentalisieren, um sich auch noch als Garant religiöser Toleranz zu inszenieren.