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Dienstag, 12.04.2022


(Foto: Frank Pfuhl)

„Was heißt hier Minderheit?“ - Ausstellung im Deutschen Bundestag

Doch wer ist mit 'nationale' Minderheit gemeint? Sind u.a. Einwanderer und ihre Nachkommen oder Geflüchtete aus Syrien und der Ukraine mitinbegriffen?

Unter dem Titel „Was heißt hier Minderheit?“ präsentierte der Deutsche Bundestag eine interaktive Ausstellung, die den Besuchern das Leben, die Kulturen und die Sprachen der vier nationalen Minderheiten und Volksgruppen Deutschlands – der Dänen, der Friesen, der deutschen Sinti und Roma sowie der Sorben/Wenden – sowie der Sprechergruppe Niederdeutsch näher bringen will. Sie ging am 8. April zu Ende.

Denn auch wenn viele Kulturen, Sprachen und regionale Identitäten hierzulande existieren, sind Geschichte, Rolle und Selbstverständnis der autochthonen (einheimischen) nationalen Minderheiten und der Sprechergruppe Niederdeutsch nur wenig bekannt. Die Ausstellung bot zudem Gelegenheit, sich mit Fragen nach Identität und dem Verhältnis von Eigenem und Fremdem zu beschäftigen. 

Die Ausstellung war ein gemeinsames Projekt des Minderheitenrates der vier autochthonen nationalen Minderheiten und Volksgruppen Deutschlands sowie des „Bundesraats för Nedderdüütsch“ und wurde als Wanderausstellung konzipiert. Der Bundestag ist der erste Präsentationsort gewesen.

Über diese Ausstellung sprachen wir mit Stefan Seidler. Er ist Bundestagsabgeordneter aus Flensburg. Der Parlamentarier ist Mitglied des SSW, des Südschleswigschen Wählerverband. Der SSW erhielt bei den Wahlen im Herbst 2021 rund 0,12 Prozent der Zweitstimmen. Als Partei der dänischen Minderheit ist der SSW von der 5-Prozenthürde befreit und Stefan Seidler ist somit der einzige Vertreter seiner Partei im Deutschen Bundestag.


(Foto: Frank Pfuhl)


Der Bundestagabgeordnete Seidler betonte: „Für den Südschleswigschen Wählerverband und mich haben Minderheiten einen sehr hohen Stellenwert. Nicht nur, weil wir die politische Vertretung der friesischen Volksgruppe und dänischen Minderheit sind, sondern weil aus unserem nordisch-liberalen Demokratieverständnis die Gesellschaft und der Staat besondere Rücksicht auf Minderheiten nehmen müssen. Aus diesem Grund begrüße ich die derzeitige Ausstellung im deutschen Bundestag sehr. Leider beobachten wir, dass in Deutschland Wissen über die vier nationalen Minderheiten von Roma und Sinti, Sorben, Friesen und Dänen nicht so verbreitet ist wie es wünschenswert wäre. Deswegen sind solche Ausstellung und Projekte wichtig, wir müssen aber auch prüfen, wie wir die breite Bevölkerung besser aufklären und ihnen bewusst machen, dass die vier nationalen Minderheiten fester und wertvoller Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind“.

Bleibt also zu hoffen, dass die Wanderausstellung „Was heißt hier Minderheit?“ in ganz Deutschland sehr gut besucht wird und auf die nationalen Minderheiten aufmerksam macht. Zu fragen gilt ja auch: Ist mit „nationale“ Minderheit ausschließlich der hier lebende und geborene Bürger gemeint? 2015 kamen zahlreiche Flüchtlinge aus Syrien. Aktuell kommen viele Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine zu uns. Wenn sie, wovon auszugehen ist, größtenteils in Deutschland bleiben werden, selbst dann, wenn ihre ursprüngliche Heimat eines Tages befriedet sein sollte (Man hat sich hier ein neues leben aufgebaut, Kinder haben hier einheimische Ehepartner gefunden usw.), werden diese Neuankömmlinge demnächst auch Minderheit sein wie heute Sorben oder Friesen? Es gibt ja auch bereits den Begriff Russlanddeutsche. Schlagerikone Helene Fischer gehört dazu. Es ist davon auszugehen, dass sich die Anzahl der „Minderheiten in dieser Nation“ vergrößern wird. Wie schnell so etwas möglich ist, zeigt aktuell der Krieg mitten in Europa. Vor knapp drei Monaten hätte man doch eine große Anzahl von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine in Deutschland für unmöglich gehalten.

(Volker-Taher Neef, Berlin)