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Euro-islam

Dienstag, 17.06.2003



Eine Art islamische Charta in Österreich schrieb:


Im Namen des Gnädigen und Sich Erbarmenden Gottes


Die Konferenz "Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa" tagte vom
13.04. bis 15.04. 1424 H. (13. bis 15. Juni 2003) in der europäischen
Kulturhauptstadt Graz.

Initiatoren:
-Dr. Benita Ferrero Waldner, Bundesministerin für auswärtige
Angelegenheiten
-Prof. Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft
-Dr. Mustafa Ef. Ceric, Reis-ul-Ulema, von Bosnien und Herzegowina
Veranstalter:
-Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich
Co-Veranstalter:
-Islamische Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur ISESCO
-Europäische Islamische Konferenz EIC
-Islamische Glaubensgemeinschaft in Bosnien und Herzegowina
Gastgeber:
-das österreichische Außenministerium für auswärtige Angelegenheiten
-das Land Steiermark
-die Stadtgemeinde Graz


Nach dreitägiger Diskussion und Beratung hat die Konferenz "Leiter
islamischer Zentren und Imame in Europa" folgende Erklärung verabschiedet:


Grazer Erklärung

Die Konferenz bedankt sich bei allen Institutionen, die das Zustandekommen
dieses fruchtbaren Gedankenaustausches ermöglicht haben. Eine Übereinstimmung in der Bewertung der Herausforderungen der Moderne in Europa wurde spürbar. Einigkeit bestand auch in der theologischen Wahl der Mittel, um zu einem konstruktiven Umgang zu gelangen. So konnte ein wichtiger Grundstein für die weitere Zukunft gelegt werden.

Es leben in Europa heute mehr als 10% der Gesamtbevölkerung mit einem
muslimischen Bekenntnis. Die gleiche Religion verbindet sie alle, auch wenn
sie kulturell und traditionell sehr oft verschiedene Prägungen ausweisen.
Vielfalt ist eine Realität auch innerhalb des Islam, die zu allen Zeiten als Segen galt. Vielfalt auch als Reichtum an Optionen zur Lösung von neu
auftauchenden Fragen zu nutzen, ist eine Chance. Sich dieser vielfältigen
Betrachtungsweise auf dem Boden einer Religion bewusst zu machen, ist eine
in dieser Form neue Tatsache. Denn in Europa findet ein direkter lebendiger
Gedankenaustausch statt, der so gefördert und institutionalisiert, auch
wertvolle Impulse in die islamische Welt senden könnte. Die Konferenzteilnehmer betonten so die theologischen Mittel wie "Idschtihad",
das Prinzip der freien Meinungsbildung im Gefüge des Islam, die Freiheit mit dem Wissensschatz der verschiedenen Rechtsschulen kreativ und dialogisch umzugehen und überhaupt die zentrale Rolle des Intellekts. Islam in seiner Kernbotschaft, in seiner Aufgeschlossenheit den Wissenschaften gegenüber und seinem Bildungsgebot enthält den ständigen Aufklärungsaspekt.

Mit aller Entschiedenheit vertreten die Konferenzteilnehmer, dass es so
wenig wie es einen afrikanischen, arabischen oder sonstwie ethnischen Islam
gibt, auch nicht von einem "europäischen" Islam gesprochen werden kann. Nur
der Begriff "Islam in Europa" kann treffend wiedergeben, dass ein Islam
europäischer Prägung sich aus dem dynamischen Selbstverständnis der einen
Religion Islam heraus entwickelt. Diesen Prozess mit ihrem theologischen
Fachwissen zu begleiten und zu unterstützen, sehen die Imame und LeiterInnen islamischer Zentren als ihre Aufgabe.

Muslime teilen mit den anderen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen
gemeinsame Normen und Werte. Die Stellung der verwandten monotheistischen
Religionen wird dabei besonders hervorgehoben. Der Koran sagt in Sure 2,
Vers 285: "Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt wurde, und ebenso die Gläubigen. Alle glauben an Allah und Seine Engel und Seine Schriften und Seine Gesandten und machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten und sie sprechen :" Wir hören und gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, unser Herr! Und zu Dir ist die Heimkehr."

Der Islam ist durch historische und kulturelle Verflechtungen untrennbar
mit der Geschichte Europas verbunden. Sich dessen verstärkt zu besinnen und
den konstruktiven Dialog miteinander auszubauen und zu vertiefen, ist eine
Bereicherung und vielversprechende Notwendigkeit. Der Koran spricht hier in Sure 16, Vers 125: "Lade zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner
Ermahnung ein und diskutiere mit ihnen auf die beste Art und Weise...."

Damit der Pluralismus zur Bewahrung von sozialem Frieden und sozialer
Gerechtigkeit beiträgt und die Menschen einander näher bringt, dient der
Koranvers 49/13 der Orientierung, in dem es heißt: "Oh ihr Menschen! Wir
erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennenlernt. Doch der vor Allah am meisten
Geehrte ist der Gottesfürchtigste unter euch. Allah ist fürwahr wissend,
kundig."

Um ihrer Verantwortung innerhalb der Gesellschaft gerecht zu werden,
beschließt die Konferenz folgendes:

I. Islamische Identität in Europa
Die europäischen Muslime sind sich ihrer religiösen Identität als Muslime und ihrer gesellschaftlichen Identität als Europäer gleichermaßen bewusst. Die Einbürgerung stellt keinen Widerspruch in theologischer Hinsicht dar.

Die islamische Botschaft ist auf Mäßigung gebaut. Daraus resultiert die
klare Absage an jegliche Form von Fanatismus, Extremismus und Fatalismus.

Die mittelalterliche Einteilung in eine Welt der Gegensätze von "Dar als
Islam" = Haus des Islam und "Dar al harb" = Haus des Krieges ist abzulehnen. Sie hat weder eine Grundlage im Koran, noch in der "Sunna" und ist als historisches, längst überholtes Phänomen von keinerlei heutiger Relevanz..

Menschenrechte sind ein zentraler Bestandteil des Islam. Die Würde des
Menschen als eines von Gott aus der gleichen Substanz geschaffenen Wesens zu bewahren und aktiv für Menschenrechte einzutreten, ist ein
selbstverständlicher Auftrag jedes Muslim und jeder Muslime.

Mann und Frau sind im Islam einander gleichwertige Partner. Mehr als das
tragen sie gegenseitige Verantwortung. Frauen genießen im Islam von Beginn
an wesentliche Rechte, die ihren Status sichern. Frauenrechte sollen daher
keine Theorie sein. Es gilt sie in allen Facetten zum Tragen zu bringen.
Partizipation von muslimischen Frauen in den verschiedensten Gebieten des
gesellschaftlichen Lebens ist ein wesentliches Kriterium. Alle
Konferenzteilnehmer bekennen sich zur theologischen Zusammenarbeit von
muslimischen Männern und Frauen und fördern und unterstützen sie.

Die Muslime müssen ihre Loyalität der Verfassung und dem Gesetz gegenüber
auch in deren säkularer Struktur kundgeben.

Pluralismus gilt im Islam als von Gott gewollt. Der Umgang damit ist nicht
nur im Wetteifern in guten Taten und im Dialog definiert und als Auftrag an
die Muslime formuliert. Der Gedanke der Demokratie ist mit dem Prinzip der
"Schura", der gegenseitigen Beratung, im Koran verankert.

Partizipation auf allen Gebieten ist so ein zutiefst islamischer
Grundsatz, der das harmonische und von gegenseitiger Bereicherung getragene
Zusammenleben in einer immer pluralistischeren Welt fördert.

II. Wünsche an die europäischen Staaten
Die Teilnehmer betonen mit Nachdruck eine Reihe von Wünschen an die
europäischen Staaten. Auch vor dem zu wenig allgemein wahrgenommen
Hintergrund, dass der Islam einen Teil der europäischen Kulturgeschichte
bildet, ist er im Sinne der breiten Bewusstmachung als Bestandteil der
europäischen Gesellschaft sichtbar zu machen, dass gesellschaftliche
Integration nicht Assimilation bedeuten kann. Gegenseitige Anerkennung und
Respekt ebnen den Weg zu Integration von Muslimen als Muslimen.

Der Anerkennungsstatus des Islam wie er in Österreich bereits lange
besteht, garantiert ein rechtlich definiertes Verhältnis, das die
Integration der Muslime als Bestandteil der Gesellschaft fördert. Dazu
gehören das Recht auf freie und öffentliche Religionsausübung und das Recht
auf innere Autonomie, das die Bewahrung der Eigenständigkeit ermöglicht, wie es das islamische Prinzip der dynamischen Betrachtung spezifischer
Situationen vor dem Hintergrund von Zeit, Ort und handelnden Personen
fordert. Für die Muslime in Europa ist nach diesem Vorbild allgemein der
Status der Anerkennung in den verschiedenen Staaten anzustreben. Die
Konferenz appelliert hier an die maßgeblichen Stellen in dieser Richtung
aktiv zu werden.

Die Errichtung von Moscheebauten, die Einrichtung von islamischen
Friedhöfen, das Recht auf Teilnahme im Berufsleben für Frauen mit
islamischer Bekleidung und das Recht zum Schächten sind unbedingte
Erfordernisse für die muslimische Gemeinschaft. Der Ausbau der Infrastruktur befestigt den sozialen Frieden und schafft Transparenz.

III. Bildung und Erziehung
Imame und muslimische Theologinnen tragen wesentlichen Anteil an der Bildung und Erziehung und dem Aufbau einer islamischen Infrastruktur. In diesem Bereich sind eine Reihe von Aufgaben vordringlich. Vorurteile, Klischees, Stereotype und tradierte Feindbilder können nur auf dem Wege einer Bildungsoffensive angegangen werden. Diese sollte Züge des gemeinsamen Vorgehens tragen. Friedenserziehung ist eine auch gemeinsam zu behandelnde Aufgabe unserer Zeit.

Von Seiten der Muslime ist die Ausbildung und Heranbildung der Jugend
vordringlich. Hier hat sich das Mittel des in den Schulalltag integrierten
Islamunterrichts bewährt. Islamunterricht trägt dazu bei, Differenzen
zwischen Tradition und islamischer Lehre aufzuzeigen und zu überwinden. Er
fördert die innermuslimische Integration durch die lebendige Vielfalt der
teilnehmenden SchülerInnen und schafft somit Identität als Muslime und
Europäer. Qualitätvolle, institutionalisierte islamische Bildung ist ein
Garant für die Vermeidung von Engstirnigkeit, Fanatismus und Fatalismus.
Dazu gehört die Gründung von Fakultäten zur Ausbildung auf dem europäischen Boden beheimateter islamischer Rechtsgelehrten.

Von Islamischen Fakultäten aus soll das Entstehen eines neuen
Rechtssystems begünstigt werden, das mit der europäischen Gesellschaft in
Einklang steht.


Sprachenerwerb soll forciert werden. Nur wer die Sprache des Landes, in
dem er lebt, beherrscht, kann sich als echter Teil dieses Landes begreifen.

Ausgebildete Muslime können auf der Basis ihres Wissens
Brückenbaufunktionen übernehmen. Dies nicht nur auf intellektuellem Gebiet
im Bereich der Universitäten zur Förderung der interdisziplinären
Zusammenarbeit. Auch in praktischem Sinne sind Muslime, die eine solide
Kenntnis des eigenen Hintergrundes mit dem Wissen um die europäische
Situation vereinigen, eine Stütze beim Aufbau sozialer Einrichtungen wie
Mediationszentren oder Krisenberatungsstellen. Auch auf dem
Dienstleistungssektor werden ihre Leistungen zunehmend gefragt.

Noch wird das Bild des Islam stark durch Massenmedien und die zum Teil
mangelhafte Information, die auf Wissenslücken aus der Schulzeit gründet,
bestimmt. Hier wäre eine Institutionalisierung bestehender Initiativen
anzustreben, die beispielsweise auf dem Sektor von Studien oder Programmen
zur Begegnung mit SchülerInnen im Rahmen des Unterrichts bisher eher auf
privates Engagement angewiesen sind.


Muslime sind hierbei aufgerufen ihre Pflicht zur "Dau'a" so zu verstehen,
dass sie zu Information aufgerufen sind und jene Ethik, die ihnen der Islam
mitgibt, auch in ihrem persönlichen Leben weitestgehend erlebbar machen
sollen.


Empfehlungen der Konferenz


1.
Die Konferenz empfiehlt die Bildung einer Gelehrtenkommission zur
Formulierung der muslimischen Anliegen in Europa zur Vorlage dieser Anliegen beim Europäischen Konvent, damit diese Anliegen bei der endgültigen
Formulierung der eine Berücksichtigung finden Verfassung der Europäischen
Union. Die Kommission soll dann dieses Dokument dem Präsidium des Konvents
in Thessaloniki in Griechenland übergeben.

2.
Die Konferenz empfiehlt die Einrichtung eines muslimischen Verbindungsbüros
in Brüssel, um die Angelegenheiten, welche für die Muslime in Europa von
Bedeutung und Interesse sind, bei den Organen der Europäischen Union zu
betreuen.

3.
Die Konferenz hat die Gründung eines ständigen Rates der Imame und
muslimischen Seelsorgerinnen in Europa beschlossen. Die Europäische
Islamische Konferenz EIC hat für die administrativen Schritte zur
Realisierung dieses Vorhabens Sorge zu tragen.

4.
Die Konferenz empfiehlt die Bildung einer Erkundungskommission aus einer
begrenzten Anzahl von muslimischen Religionsjuristen in Europa um Nigeria zu besuchen, damit sie dort an Ort und Stelle die Umstände des Urteils gegen Frau Amina Lawal erfahren können. Sie sollen sich darüber hinaus mit den zuständigen nigerianischen Justizbehörden über diese Angelegenheit direkt beraten.

5.
Die Konferenz empfiehlt die Gründung eines Islamischen Zentrums in Graz, um
die religiösen Dienste in adäquater Form für die muslimische Bevölkerung in
dieser Stadt zu ermöglichen. Die Konferenz appelliert in diesem Zusammenhang an die öffentlichen österreichischen Körperschaften der Stadtgemeinde Graz, des Landes Steiermark und der Bundesregierung die effektive Hilfestellung zur Realisierung dieses Vorhabens zu gewähren.

6.
Die Konferenz ersucht Herrn Prof. Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen
Glaubensgemeinschaft in Österreich, Schreiben im Namen der Konferenz an alle österreichischen und islamischen internationalen Institutionen zu richten, um ihnen allen für ihre Mitgestaltung und Unterstützung dieser Konferenz den Dank auszusprechen..


Graz, am 15.04.1424 H.
15.06.2003