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Donnerstag, 19.12.2002



Jan H.Schmitt: Betr. Predigt eines Pfarrers u. Missionierung schrieb:


Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Scheunemann

es ist allerdings ein starkes Stück, das Sie sich da geleistet haben.
Wenn man die anti-muslimische Polemik, den fast unverhohlenen Kreuzzug des Herrn Bush betrachtet und den gewaltigen Druck, der auf Muslimen oder auch nicht-muslimischen Sympathisanten lastet, so ist es fast schon ein Stück ziviler Ungehorsam, sich derzeit für den Islam stark zu machen.

Umso schöner, wenn Sie dies auch noch mit den Prinzipien des eigenen christlichen Glaubens begründen können.

Ich weiß nicht, wie Ihre Gemeindemitglieder reagiert haben, aber ich könnte mir vorstellen, daß auch Ihnen eine Welle des Islam-Hasses entgegengeschlagen ist.

Obwohl ich Ihren Mut bewundere, muß ich Ihnen doch in einem zentralen Punkt widersprechen, zumal er zweimal aufgegriffen wird. Eingangs sprechen Sie von einem Missionar in Indonesien, später beklagen Sie, daß z.B. in Marokko das Missionieren durch Christen verboten ist.

Dazu gibt es folgendes zu sagen: der Islam ist als abschließende Erweiterung des christlichen Glaubens anzusehen, der Übertritt eines Muslims zum Christentum ist daher ein schwerer Verstoß, da er ein Rückschritt ist. Wer sich dem Propheten Issa (=Jesus) anschließt und Christ wird, der schließt sich zwar einem auch aus muslimischer Sicht wertvollen Glauben an, aber er verleugnet Muhammad als letzten Propheten. Er demonstriert, daß er zentrale Glaubenslehren nicht respektiert (z.B., daß für einen Muslim die Anbetung Gottes als
Dreifaltigkeit ein Rückschritt in der Erkenntnis Gottes und der Menschheit ist). Es handelt sich um einen schweren Schlag für die Umma, einen Muslim zu verlieren (freilich, kann man darüber nachdenken, daß die Bestrafung des Apostaten vielleicht eher ALLAH überlassen werden sollte, da nur ER in die Seele des Betreffenden sehen kann, um zu erkennen, ob er wirklich vom Glauben abgefallen ist).

Die Gemeinschaft der Muslime muß sich daher (und dies war nur eines von viele Gerechtigkeitsgrundsätze beachtet werden.

Das Missionsverbot ist jedoch auch unter einem anderen Gesichtspunkt bedeutsam. Die Arbeit von christlichen Missionaren war und ist letztendlich eine Form, die wirtschaftliche und militärische Überlegenheit des Christentums auszunutzen - mag es auch dem einzelnen Missionar nur um das Seelenheil gehen, so bleibt er doch Nutznießer der hinter ihm stehenden Macht. Diese allein stattet ihn und seine zukünftigen Konvertiten mit Unterkunft, Nahrung und Medikamenten aus, während andere um ihn herum darben müssen.
Der Übertretende tritt doch in Wahrheit oft über, weil er sonst verhungern müßte, weil ihm westliche Arbeitgeber dann eher einen Job verschaffen oder er als Christ nicht befürchten muß, in einem Konfliktfall völker- und menschenrechtswidrig nach Guantanamo Bay (z.B.) verschleppt zu werden. Das von Ihnen zutreffend interpretierte Beispiel der Chinesen in Indonesien ist ein solcher Fall, wo die Chinesen sich durch ihren Übertritt zum Christentum die Nähe zu Macht und Fleischtöpfen der niederländischen Kolonialmacht erworben haben.
Ein solches Verhalten ist nicht nur aus muslimischer Sicht verachtenswert, sondern müßte auch einem Christen als Ausgeburt von Falschheit und Feigheit erscheinen. Es ist daher kaum verständlich, daß die Sympathie des Westens dennoch solchen Leuten gilt.
Es handelt sich also um einen Akt des Opportunismus, was die meisten Missionare jedoch kaum stören dürfte - tatsächlich werden vor allem amerikanische Missionare weltweit von ihrer Regierung finanziell und militärisch unterstützt. Die Gewinnung von Seelen ist also ein aggressiver Weg zur Konsolidierung weltlicher Macht.
Gleiches gilt übrigens m.E. für die Versuche der Saudis, ihren in vielerlei Hinsicht schändlichen Wahhabismus in die gesamte Welt zu exportieren - dort ist der Charakter jedoch eher defensiv, denn indem man die Radikalen ins Ausland schickt, verhindert man einen längst fälligen Umsturz im eigenen Land.

Man sollte an dieser Stelle anmerken, daß ein Übertritt zum Islam unter solchen Zwangsumständen wohl als nichtig betrachtet werden müßte, da er eben gerade ohne Zwang erfolgen muß.

Die islamische Missionierung im Allgemeinen jedoch ist anders, da eben gerade keine weltliche Machtergreifung damit verbunden ist, sondern allein der Glaube die Menschen in ihren Bann ziehen soll. Die islamische
Missionierung sollte nicht auf die Konsolidierung der Absatzmärkte und die Gewinnung von Produktionsmitteln, sondern auf die Gewinnung von Herzen gerichtet sein.

Diese sowohl spirituellen als auch machtpolitischen Gesichtspunkte sollten Sie, lieber Herr Scheunemann, beachten, wenn Sie das Missionsverbot richtig verstehen wollen. Nichts spricht aber dagegen, daß ein Christ (auch ein Priester) Gutes an Muslimen tut (und umgekehrt), wenn er damit nicht missionieren will.

Abschließend möchte ich bemerken, daß der beste Schutz gegen den Verlust von Gläubigen durch christliche Missionare jedoch die Erhöhung der Strahl- und Überzeugungskraft des muslimischen Glaubens und der muslimischen Zivilisation ist - also eine Aufgabe, die eigentlich Muslimen zukommt, von diesen aber kaum wahrgenommen wird - mein Eindruck
und auch meine Hoffnung ist es, daß europäische Muslime die islamische Zivilisation erneuern könnten, mithin Menschen, die in einer säkularisierten und entmoralisierten Umwelt zum Glauben gefunden haben.

Ich bin überzeugt, daß gerade deutsche Muslime, also jene aus einem Land, daß trotz aller von den USA gesteuerten Bekenntnisse die meiste Zeit ein Land zwischen Ost und West geblieben ist, einen solchen Beitrag leisten könnten und zugleich (was jedoch niemals Motiv des Glaubens sein darf) die nationale Würde ihres Landes wiederherstellen könnten.

In diesem Sinne meine Anerkennung und mein Dank an islam.de und auch an Sie, Herr Scheunemann, für die von Ihnen gezeigte Zivilcourage.