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Euro-islam

Donnerstag, 17.01.2002



S.D. schrieb:


Guten Abend!
ich habe mir gerade die letzten paar Kommentare durchgelesen und habe mit freuden bemerkt, dass das niveau von einem bloßen beleidigen abgehoben und zu einem konstruktiven geworden ist. Sehr interessant in dieser Hinsicht scheinen mir die Äußerungen des Herrn Professor Dr Bohe aus Erlangen. Erst einmal als direkte Antwort auf seine Aufforderung, ich sollte meine Äußerungen bezüglich des Herrn Thierse überdenken. Ich habe dies getan. Ich erkenne an, dass Herr Thierse nur versucht hat, einige Sachen auszusprechen, die den Leuten auf der Seele liegen... vielleicht sogar für einen Lösungsansatz zu werben, der seit einiger Zeit in aller Munde ist. Über den Euro-Islam. Nur war das ein ungeschickter Versuch, weil er als Politiker bedenken sollte, was er anspricht... und dann sollte er auch explizit benennen. Der Begriff Euro-Islam ist ein genauso nebulöser, beliebig interpretierbarer Begriff wie seinerzeit der Begriff der Leitkultur. Alles spricht darüber, nur keiner weiß, was wirklich damit gemeint ist. Meine Interpretation ist die eines Menschen, der sehr oft mit seiner Religiösität konfrontiert wird. Und der Begriff des Euro-Islam stellt sich in meiner Interpretation als Einmischung dar. Was ich von solch einer Einmischung halte, kann man in meinem letzten Beitrag zum Forum nachlesen. Die Interpretation des Herrn Prof Dr Rohe ist aus der Sicht eines Menschen, der sich offensichtlich mit solchen Fragen beschäftigt hat und der sich anscheinend auch einiger Implikationen dieses Begriffs bewusst ist. Wenn es aber wirklich nur eine Begrenzung der gesellschaftlich akzeptablen Interpretationsformen des Islam ist, dann wäre ich beruhigt, aber andererseits über zweierlei amüsiert. Erstens wäre dann der Begriff Euro-Islam extrem ungeschickt gewählt. Weil einige Implikationen des Euro-Islam viel weiter gehen. Zweitens ist es eine extrem schwierige Aufgabe, Interpretationen einer Religion allein schon zu sammeln und sie alle zu "überprüfen" (zugegebenermaßen ist dieses Wort extrem ungeschickt gewählt, aber ich begnüge mich hiermit, jeder weiß was gemeint ist), die keine Institution wie die Kirche kennt. Ich würde dies nicht als Manko bezeichnen und wahrhaft möchte ich nicht der sein, der diese Religion institutionalisiert (ich wäre der erste, der sich dagegen wehrt), allerdings erleichtert dies natürlich auch eine bunte Vielfalt von Interpretationen, die Raum lässt für zwielichtige Elemente. Zwar lassen sich diese Elemente zu 80% nach einiger Recherche ausfiltern, aber das verhindert nicht die Tatsache, dass viele Moslems in ihrer Religion nicht gebildet genug sind und dann den Anweisungen dieser Zwielichtigen Elemente folge leisten, sich von diesen faszinieren lassen. Dass der Islam eine tolerante Religion ist, bezweifle ich nicht. Dass es Leute gibt, die nicht tolerant sind, kann ich aber nicht von der Hand weisen. Nur dies alles ist kein Grund dafür, den Islam zu dämonisieren oder gar eine Gratwanderung zu veranstalten, indem man Begriffe nutzt, die keineswegs explizit sind. Und das ist das Problem, das ich mit Herrn Thierses Aussprache für den Euro-Islam habe. Die Grenzen, die dem Islam hier in Deutschland gesetzt sind, sind bis auf einige Einzelheiten für alle Seiten akzeptabel. Man kann als Moslem passabel leben - ja sogar viel besser als in einigen so dämonisierten islamischen Ländern (wenn ich da nur z.B. an die Diskriminierung von religiösen Moslems in der Türkei denke). Und bis jetzt hatte die deutsch Gesellschaft doch nie wirklich Probleme mit Moslems. Vielleicht mit einigen sozio-kulturellen Phänomenen innerhalb der Gemeinschaft oder (die muss man ansprechen) mit Terroristen, die sich auf eine sehr eigenwillige Interpretation des Islam stützen.
Und wenn diese Phänomene letztlich das Problem sind, dann ist die Lösung meiner Meinung nach nicht eine spezifische Grenzenfestsetzung (nach dem Motto: dies sind die Grenzen des Islam in Deutschland), sondern ein mehr breitgefächtertes, gezieltes Sozialprogramm (nennen sie es meinetwegen Integrationsprogramm oder Kulturprogramm, Deutschkurse etc), das den Menschen ihre Nähe zu der deutschen Gesellschaft bewusst macht, ohne sie gleich vor die Wahl zwischen ihrer Religiösität und ihrer Umgebung zu stellen. Denn solche Sachen versuchen Abwehrreaktionen, die zu aggressiven HAndlungen führen können.
Wenn auch nicht alle "islamistischen" Terroristen und Kriminelle aufgrund von Abwehrreaktionen ihre "Karriere" angetreten sind, so doch mindestens mal 50% ihrer Symphatisanten und Voluntäre. Und wenn es selbst noch weniger Menschen von aggressiven Handlungen abbringt, so ist es dennoch ein Schritt in die definitiv richtige Richtung. Auf die Moslems zu, ohne sie in eine Verteidigungsposition zu zwingen, aber auch - und da muss ich dem Professor rechtgeben - nicht einschmeicheln. Da wittern Menschen, die Zeit ihres Lebens in Defensivposition standen, immer einen Hintergedanken, auch wenn keiner da ist.

Fazit: kein Euro-Islam, schon der Begriff ist ungeschickt; keine Grenzsetzung, weil unmöglich und ungerechtfertigt; eher gezielte Sozialprogramme; auf die Menschen zugehen, nicht einschmeicheln, Respekt statt Toleranz! Der Islam sollte als gleichberechtigt (wenn auch anders) angesehen werden. Das bewahrt sowohl vor Samariter-Effekt nach dem Motto: wir müssen dem Islam jetzt helfen, ihn zum Beispiel reformieren, als auch bewahrt es vor einer einfachen Ignoranz, wie sie in einigen Medien immernoch praktiziert wird.

Ich wünsche allen noch einen schönen Abend und entschuldige mich dafür, dass ich zuviel geschrieben habe...anscheinend ist es aber hilfreicher, viel zu schreiben und alles ausführlich zu erklären, als wenig zu schreiben und dann (viellleicht auch berechtigterweise) missverstanden zu werden!
vesselam