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Leserbriefe

Donnerstag, 08.04.2004



Jürgen:Gott ist gut, aber sein Bodenpersonal taugt nichts! schrieb:


Ob islamischer Iman, christlicher Priester oder jüdischer Rabbi, alle sind nur Menschen und haben die gleichen Fehler, wie alle Menschen auch. Keiner von denen ist unfehlbar, auch wenn die höchsten geistlichen Würdenträger dies gerne von sich behaupten. Mit der Drohung der ewigen Verdammnis nach dem Tode stärken sie nur ihre Macht. Überhaupt haben die monotheistischen Religionen viele Parallelen. Weniger in ihrem Glaubensinhalt, als mit den subtilen
Methoden der Einschüchterung. Ähnlicher Methoden bedienten sich auch die Sowjets und Nationalsozialisten, wenngleich sie sich nicht auf das Leben nach dem Tod bezogen, sondern Himmel und Hölle auf Erden praktizierten.

Bis zur Reformation durch Luther und Calvin hatte die römisch-katholische Kirche eine vergleichbare Machtstellung in Europa, wie heute die Ajatollahs im Iran. Endgültig hinweggefegt wurde diese Macht mit der französischen Revolution und der Aufklärung. Diese Werte - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –
bestimmen das Leben im heutigen Europa. Der Weg dorthin war lang und blutig, wie wir aus der Geschichte wissen.

Auch der Islam hat viele kleine Luther und Calvin. Hierzu muss man wissen, dass die Bibel bis zu den Übersetzungen durch Luther und Calvin nur in lateinischer Sprache existierte, die nur von den Priestern und wenigen Gelehrten verstanden wurde. Der Text war also erkärungsbedürftig, und das taten die Geistlichen zu ihrem eigenen Machterhalt. Erst das verstehen der Bibel machte die Menschen unabhängig vom Wissen der Geistlichkeit, machte den Kopf frei für die
Aufklärung.

Nun steht der Islam an diesem Scheideweg zur Aufklärung. Der Koran, früher nur in (altem) Arabisch aufgezeichnet, wurde in alle Sprachen übersetzt. Also von jenen vielen kleinen Luther und Calvin. Die Menschen lernen ihn zu verstehen, sie denken darüber nach. Sie brauchen „das Bodenpersonal“ nicht mehr. Dieser Prozess steckt noch in den Anfängen, aber der Grundstein ist gelegt. Das
Hauptproblem in muslimischen Ländern ist die Verbreitung dieses Wissens, verhindert durch die „Religionsfaschisten“, wie z.B. den Religionswächtern im Iran. Wissen ist Macht, Verhinderung von Wissen ist Machterhalt.

Betrachtet man den Zeitraum von der Entstehung des Christenrums bis zur Aufklärung, so liegen etwa 1.500 Jahre dazwischen. Der Islam ist Reif für die Aufklärung. Für die Fundamentalisten unter den Moslems stellt die westliche Lebensweise und die „Gefahr“ der Aufklärung der Glaubensbrüder eine große Gefahr dar. Sie bedeutet einen Machtverlust, und Macht gibt man nicht ohne Widerstand ab. Der „islamistische Terror“, den wir derzeit erleben, ist vergleichbar mit dem „Dreißigjährigen Krieg“ in Europa.

Durch die Globalisierung der Informationstechnologie, der schnellen
Verkehrsmittel, durch die Immigration von Muslimen nach Europa sowie der Verquickung wirtschaftlicher Interessen, wird dieses innere Problem des Islam auch in die westliche Welt getragen.

Und dies ist genau der Grund, warum die westlichen Demokratien sich zu schützen versuchen. Das dabei Moslems unter Generalverdacht fallen ist sicher falsch, aber durchaus verständlich. Ich ertappe mich selbst dabei, obwohl ich dies rational denkend ausschliessen müsste. Menschen mit einfacherer Denkstruktur haben keine Probleme damit, aus diesem Generalverdacht ein Feindbild zu machen.

Liberte, Egalite, Fraternite --- Die Ideale der französischen Revolution, die Europa von (christlichen) Religionsfaschisten befreit haben, wünsche ich den Muslimen in dieser Welt.

P.S.: Ich glaube an Gott/Allah/Jachwe, aber nicht an die Worte des
„Bodenpersonals“ (Iman/Priester/Rabbi)