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Leserbriefe

Montag, 23.02.2004



Bettina Kibar: Großmutter, die niemals ohne Hut aus dem Haus ging....sie wäre sich nackt vorgekommen. Ob sie wohl auch fremdbestimmt war? schrieb:


Land auf Land ab ist derzeit das Kopftuch in aller Munde......schade eigentlich, dass e noch nicht zum Knebel geworden ist für all jene, die darüber wenig wissen. Es wird von Berufsverbot gesprochen auf der einen und von Unterdrückung auf der anderen Seite. Beide Argumente gehen m.E. haarscharf am Ziel vorbei.
Unterdrückung bedeutet, dass – in diesem Falle eine Frau – nicht machen kann was gerne sie machen möchte. Wenn die Anti-Kopftüchler mit diesem Argument kommen, gehen sie davon aus, dass eine kopftuchtragende Frau fremdbestimmt ist. Merkwürdig nur, dass viele dieser jungen Frauen aus der Türkei nach Deutschland kommen, um zu studieren, um Ärztin, Betriebswirtschaftlerin oder Informatikerin zu werden. Was ist daran „fremdbestimmt“? – Die Tatsache, dass sie in ihrer Heimat nicht studieren dürfen, wenn sie nicht bereit sind das Kopftuch abzusetzen. Unterdrückung? Und selbst wenn ein Mädchen zu Hause gezwungen worden sein sollte, ein Tuch zu tragen, würde sie es dann in Deutschland nicht schnellstens ablegen, mit all den freizügiger gekleideten Kommilitoninnen um sich herum und außer Kontrolle der Familie? Ein Mädchen, das in die Fremde geht um zu studieren, in ein Land, dessen Sprache es erst mühevoll erlernen muss, dessen Kultur der ihrigen so verschieden ist, in ein Land, das Muslimen oftmals nur mit den größten Vorbehalten vertraut, dieses Mädchen hat ein Ziel und hat angefangen es zu verfolgen. Das ist nicht Unterdrückung, das ist „Ich-weiß-was-ich-will“. Und eine Frau, die diese Ziele erreicht hat, ist längst aus dem Zustand der Fremdbestimmung herausgewachsen, weil sie auf ihren eigenen Beinen stehen und mit ihrem eigenen Kopf denken kann.
Und das Berufsverbot? Das ist ungleich schwieriger, weil das Verbot des Kopftuches in Schulen und öffentlichen Ämtern (wie zunächst in Hessen und sicher bald auch in anderen Bundesländern eingeführt) de facto ein Berufsverbot ist. Das Problem ist nur, dass die Damen und Herren, die zu solchen Entscheidungen zu kommen pflegen, es als Schutzmaßnahme für die restliche Bevölkerung betrachten. So, als sei unter jedem Kopftuch eine Bombe verborgen und je weniger Kopftücher, um so kleiner das Risiko.
Was wohl passieren würde, wenn aus Solidarität morgen alle Lehrerinnen und Beamtinnen im Kopftuch erschienen? (Ist eigentlich ein schöner Gedanke – sollte man einmal weiterverfolgen).
Ein Berufsverbot ist es deshalb auch nicht, sagt man, weil die Damen ja unbetucht zur Arbeit erscheinen könnten. Da das aber ungefähr so wäre, als würde man dem Schuldirektor sagen, er müsse, bevor er vor die Klasse tritt, seine Hose ausziehen, ist auch das indiskutabel. Wo bleibt das vielberufene Grundgesetz, in dem geschrieben steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“? Und wo bleibt die „Religionsfreiheit“?
Ich kenne viele muslimische Frauen, verschleierte und unverschleierte, aber keine einzige von ihnen hegt irgendwelche Zweifel an der deutschen Verfassung. Eher schon an der deutschen Politik, die diese Verfassung auszuhöhlen droht.
Und generell jedem Muslim eine nicht verfassungskonformes Potential zu unterstellen, ohne im Einzelfall die Einstellung und Überzeugung des oder der Betroffenen zu prüfen ist schon ein Berufsverbot, wenn auch durch die Hintertür.
Das Kopftuch jedenfalls scheint ein Kleidungsstück zu sein, über das sich trefflich streiten lässt. Ich erinnere mich noch gut an meine Großmutter, die niemals ohne Hut aus dem Haus ging....sie wäre sich nackt vorgekommen. Ob sie wohl auch fremdbestimmt war?