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Leserbriefe

Montag, 26.01.2004



Laabdallaoui: Der Stoff, aus dem Symbole sind schrieb:


Das Kopftuch ist zwar sehr sichtbar, aber deswegen nicht gleich ein Symbol.
Jeder, der genau hinschaut und eine Grundkenntnis über das islamische
Religionsrecht mitbringt, wird auf Amhieb erkennen, dass es sich für Muslime mit dem Kopftuch genauso verhält wie etwa mit der Waschung vor dem Gebet oder dem Fasten: Sie sind eine religiöse Pflicht, die sich unmittelbar aus dem Koran herausliest. Deshalb war das Kopftuch an sich nie ein Symbol oder Zeichen. Im Gegenteil, in vielen Kulturen die den Islam annahmen, fügte sich die Kopfbedeckung nahtlos ein, weil sie dort auch ohne den Islam bekannt war uns praktiziert wurde.

Auch in Europa sieht man ein traditionelles Kopftuch heute noch ab und zu
bei europäischen Frauen auf dem Lande. Früher soll das Kopftuch noch viel
häufiger getragen worden sein, erzählen manche ältere Deutsche manchmal.
Doch scheinen sich viele Zeitgenossen nicht mehr vorstellen zu können, dass
Menschen eine Kopfbedeckung tragen können, ohne damit etwas ausdrücken oder
gar demonstrieren zu wollen, dass ein Kopftuch für manche etwas ganz
Normales, Alltägliches sein kann: Wir sind normal, wir tragen kein Kopftuch.
Wären die normal, trügen sie auch keines. Soviel Borniertheit sollte man
eigentlich gar nicht für möglich halten.

Mit Ignoranz und manchmal auch mit unverschämter Missachtung der Realität
versuchen sie, das Kopftuch "auf Teufel komm raus" zum Symbol abzustempeln.
Dabei wird zwar oft betont, dass es sein mag, dass einige das Kopftuch gar
nicht als Symbol tragen. Aber es wird der Mehrheit oder zumindest vielen
unterstellt, dass sie das Kopftuch in verfassungswidriger Absicht tragen. Wo reale, rechtsstaatlich relevante Sachverhalte ganz offensichtlich fehlen, müssen eben Absichten, mehr noch unterstellte Absichten herangezogen werden.
Eigentlich haarsträubend. Und einen ganz kalten Schauer lässt es einem den
Rücken herunterlaufen, dass unterstellte Absichten einiger zur Beurteilung
der Absichten anderer, denen man gar nichts unterstellt, herangezogen werden.
Sippenhaft für den Sachverhalt "unterstellte Absichten". Aber noch
haarsträubender ist, dass all dies vielen Anhängern der Rechtsstaatlichkeit
und ihrer Ideen die Haare gar nicht einmal sträubt. Bleibt nur noch, dass
jemand fordert, jeder Kopftuchträgerin das Recht auf Einzelfallprüfung
zuzuerkennen und sie deshalb, weil ja Absichten geprüft werden sollen, mit
angebundenem Gewicht in den Fluss zu werfen und abzuwarten, ob sie
wieder auftaucht oder ertrinkt.

Noch ist das Kopftuch kein Symbol. Aber ebenso, wie der Zwang, es zu tragen, kann auch der Zwang, es nicht zu tragen, daraus ein Symbol machen. Würde man das Tragen von Eheringen verbieten, würden harmlose Eheringe über Nacht zu Symbolen, ohne zu wissen, wie um sie geschehen ist. Im Grunde kann jede Selbstverständlichkeit zu einem Symmbol werden, wenn sie verboten wird. Man darf dann aber nicht verwechseln, wer daraus das Symbol macht: Der der sie verbietet, und nicht der, der sie für sich als selbstverständlich in Anspruch nimmt. Ebenso wie die Burka in Afghanistan zum Symbol für einen unmenschlichen, entstellten Islam geworden ist - gegen den Willen vieler traditioneller afghanischer Frauen -, ist das Kopftuch in Tunesien zum Symbol für die unmenschliche Fratze eines "westlich orientieretn" Regimes geworden, das den Tunesiern den Islam auf mittelalterliche Weise austreiben will: dort wurde den Frauen das Kopftuchtragen unter Androhung schlimmster Repressalien
verboten. Einst ist auch der russische Schnurrbart unter Peter dem Großen
zum Symbol geworden ist, als der Zar die Russen "auf Teufel komm raus"
"modernisieren" im Sinne von verwestlichen wollte.