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Samstag, 26.02.2011

„Fasten auf Italienisch“

Filmbesprechung: Komödie mit Tiefgang und Drang zum Vorurteilsabbau

Der Titel des 2010 entstandenen Films (Filmlänge 102 Minuten) erinnert stark an einen italienischen Spielfilm aus dem Jahre 1961 „Scheidung auf Italienisch“. In diesem mit einem Oscar ausgezeichneten Werk nahm man das damalige „Scheidungsrecht Italiens aufs Korn.“ Um es genauer zu sagen, man konnte sich anno 1961 im katholisch geprägten Italien gar nicht scheiden lassen.

Bei „Fasten auf Italienisch“ steht auch der Humor im Vordergrund, dieser Film ist eine Komödie. Eine Komödie mit Tiefgang jedoch, denn der Film läuft keineswegs Gefahr, Klamauk zu sein.

Dino Fabrizzi (dargestellt von Kad Merad, bekannt u. a. aus „Willkommen bei den Sch´`tis“; erhielt 2006 für seine Nebenrolle in „Keine Sorge, mir geht’s gut“ den Cesar) ist ein smarter Verkäufer von edlen Automarken a la Maserati im chicen Nizza. Bald schon soll der Starverkäufer in seinem Unternehmen die Karriereleiter nach oben erklimmen. Dino hat seine Freundin Helene an seiner Seite. Die Hochzeitsglocken werden demnächst läuten. Was weder Helene noch die Kollegen und Freunde wissen, „Dino“ ist ein Fantasieprodukt. In Wirklichkeit ist der „Italiener Dino“ der Araber Mourad Ben Saoud.

Plötzlich erleidet Dinos/Mourdas Vater einen Herzinfarkt. Der schwer erkrankte alte Herr ist außer Stande, zu fasten. Daher bittet der Vater seinen Sohn Mourad, an seiner Stelle zu fasten. Nun drohen die Lügengebäude, die der smarte Autoverkäufer in Nizza und Marseille aufgebaut hat, wie Kartenhäuser einzustürzen. Seine algerische Familie wohnt in Marseille, ihr hat der liebe Sohn vorgelogen, hart in Rom zu schuften. Nun also soll, ja muss er den folgsamen und gläubigen Muslim an den Tag und an die Nacht legen, will er doch für seinen Vater ein gutes Werk tun. Bittet im Fastenmonat sein Chef zum Meeting am frühen Morgen, heißt es ab sofort, auf Espresso und Croissants zu verzichten. Wenn, dann bitte erst nach Sonnenuntergang, also genau dann, wenn man einen schwarzen und einen weißen Faden in einem dunklen Zimmer farblich nicht mehr unterscheiden kann. Ab sofort auch die Freundin „links liegen lassen“, da Haram. Ebenso seinen zukünftigen Schwiegereltern klarmachen zu müssen, den köstlichen und süßen Tiramisu von Helenes Mama Mittags nicht zu verspeisen, sei er genau so „süß“ wie Helenchen. Wie soll der so italienisch aussehende und so italienisch wirkende „Dino“ all diese vielen religiösen Vorschriften, die für ihn Neuland sind, unter den berühmten „Hut kriegen?“ Es war doch immer so schön einfach, der getürkte Italiener zu sein. Er hatte ja nie, wie Araber, die in Italien leben (von Ölprinzen einmal abgesehen) die Probleme bei der Jobsuche oder bei der Suche nach einer Wohnung. Den Rassismus, dem Ali, Muhammad, Khadija und die anderen Araber unterliegen, spürte der „Italiener Dino“ nie. Einer wie er kann sich sehr gut verstellen, das ist sein eigener Beitrag zur „Integration.“ Ein „Neger“ hat es da viel, viel schwerer als „Dino“, wollte sich der Farbige „verstellen.“ Spätestens beim ersten Regenguss in der Öffentlichkeit würde die übertünchte weiße Farbe weggewischt werden. Den „Dino“ kann man doch nicht wegwischen, es sei denn, das alte Sprichwort „Lügen haben kurze Beine“ trifft auch auf den Autoverkäufer zu. Es ist geradezu logisch, dass in der Komödie jemand auftaucht, der den Lügner Dino bloßstellt. Für „Dino“ kommt es knüppeldick. Sein größter Konkurrent durchschaut ihn. Wie wird sich die schöne Helene nun gegenüber dem zukünftigen Ehepartner verhalten? Wird sie „Tschau, amore mio“ zu Dino oder besser: Mourad sagen?

Das Werk des Regisseur Olivier Baroux spricht Vorurteile offen an, verzichtet aber auf den mahnenden Zeigefinger. Mit viel Witz und Ironie wird dem Zuschauer ein Spiegel vorgehalten. Nutzte früher ein Till Eulenspiegel seine Erzählungen dazu, den Leuten einen Spiegel vor ihr Gesicht zu halten, bedient sich Baroux des Mediums Film. Das ist ihm, nicht zuletzt wieder dank großartiger schauspielerischer Leistung des Kad Merad, gelungen. Merad spielte ja wohl auch einen Part aus seinem eigenen Leben. Er kennt „beide Welten“, ist sein Vater doch Algerier und seine Mutter Französin.

Eine Frage kann und will der Film „Fasten auf Italienisch“ nicht beantworten. Warum muss es heutzutage überhaupt einen solchen Film immer noch geben? Würde jeder (einschließlich Muslime, keiner soll „ungestraft“ davonkommen) akzeptieren, in einem Großraumbüro zum Beispiel öffnen Kollegen ihre Butterdose und aus religiösen Gründen haben sie auf Rindersalami verzichtet, während der gegenüber sitzende Kollege eben aus religiösen Gründen nur die Brote mit Rindersalami verzehrt, brauchen wir Filme wie „Fasten auf Italienisch“ gar nicht. Das man mit Toleranz und Akzeptanz sehr gut zurecht kommt, ist doch eigentlich bekannt, wird aber leider oft vergessen. Im Zweifelsfalle hilft immer ein Blick in den Heiligen Koran. „Lakum dinukum wa liya din“ (Ihr habt Eure Religion und ich habe meine Religion). So endet die Sure 109.

An nichts anderes haben Regisseur Baroux und seine Darsteller erinnert. In Italien, einem Land der EU, muss es doch eigentlich problemlos möglich sein, zu ALLAH/t. zu beten, ohne Nachteile im Job oder bei der Wohnungssuche zu erleiden. Da wir bei dem „ungestraft“ vorhin waren: In Kairo muss selbstredend eine Christin problemlos ebenso eine Goldkette mit einem dicken Kreuz um ihren Hals tragen können, ohne dass sie Nachteile seitens des Staates und der Mehrheitsbevölkerung befürchten muss.

„Fasten auf Italienisch“ hat dazu angenehm beigetragen, an die Werte der Toleranz zu erinnern. Gerade Muslime wissen, Fasten erfordert Disziplin. Nach dem Fasten kommt die große Belohnung, das Zuckerfest. Die Belohnung in dem Werk von Baroux sieht so aus: Wir leben alle in einer entspannteren und angenehmeren Welt, wenn sich kein Mourad mehr zum Dino verstellen muss.(Volker- Taher Neef)