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Montag, 25.10.2010

Der unheimliche Muslim – Von Olaf Zimmermann

Der Geschäftsführer des deutschen Kulturrates attestiert der deutschen Bildungselite in Sachen Islam Bildungsarmut

Das muss man doch mal sagen dürfen, ist die neue Leitaussage der jüngsten Integrationsdebatte. Thilo Sarrazin hat mit dem »Sagen dürfen« begonnen und eine Welle der Befreiung, endlich mal offen seine Meinung zu sagen über die Ausländer, die Muslime und wer uns denn sonst noch unheimlich ist, schwappt über das Land. Nicht nur die Stammtische atmen befreit auf, auch Spitzenpolitiker sind endlich nicht länger zum Schweigen verurteilt. Das Schweigenbrechen befreit die Seele und ist deshalb zumindest für den- oder diejenige, die nun drauflosreden, sicherlich gesundheitsfördernd. Ob diese positive Diagnose auch für die gesamte Gesellschaft gestellt werden kann, muss aber ernsthaft bezweifelt werden.

Das Fremde macht immer Angst. Fremdes Aussehen, fremde Sprachen, fremde Rituale drängen uns in eine automatische Abwehrhaltung. Diese Angst ist tief in uns verankert und muss wie ein wildes Tier immer unter Kontrolle gehalten werden, damit wir nicht in Panik geraten. Der beste Schutz gegen diese Angst ist Wissen über das Fremde in unserer Nähe.

Für mich war und ist das wirklich Erschütternde der Debatten der letzten Wochen das unglaubliche Unwissen der Meinungseliten über das vermeintlich Fremde in unserer Nachbarschaft. Bildungsarmut ist eben kein »Unterschichten«-Phänomen, wie gerne behauptet wird, sondern die sogenannten Eliten in den Medien und der Politik kennen sich erschreckend wenig mit kulturellen und religiösen Fragen aus.

Interkulturelle Bildung wurde offensichtlich an den Gymnasien und Hochschulen in unserem Land vielen Schülern und Studenten nicht ausreichend vermittelt und bei den vielen Urlaubsreisen in alle Herren Länder auch nicht nachgeholt. Alleine das Unwissen über den Koran, die Heilige Schrift der Muslime, scheint nicht nur in den Talkshows grenzenlos zu sein.

Ist das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung der Frau oder Ausdruck einer tiefen Gläubigkeit? Wenn man es nicht weiß, kann man ja fragen. Der diesjährige Tag der Offenen Moscheen war eine solche Möglichkeit, die von erfreulich vielen Bürgerinnen und Bürgern, die mehr wissen wollten, genutzt wurde.

Der Deutsche Kulturrat hat auch gefragt. Seine jüngste Stellungnahme zur Kulturellen Bildung wurde gemeinsam mit neun Migrantenorganisationen erarbeitet und verabschiedet. Seit nunmehr einem Jahr sitzen wir an einem Runden Tisch zusammen und sprechen über Fragen der interkulturellen Bildung miteinander. Ich bin mir sicher, wir können noch viel voneinander lernen und damit zu guten Bekannten in unserem gemeinsamen Land werden.

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von politik und kultur „puk“. Demnächst erscheint in der in der „puk“ eine Sonderbeilage Islam. Der vorliegende Text ist das Editorial der neusten Ausgabe, siehe auch unterer Link. Zimmermann ist zudem Galerist, Hochschullehrbeauftragter und war Mitglied verschiedener Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages.



Lesen Sie dazu auch:

    -politik und kultur - Zeitung des Deutschen Kulturrates
        -> (http://www.kulturrat.de/puk_liste.php?rubrik=puk)