Artikel Sonntag, 03.09.2006 |  Drucken

Muslime in Europa in der Gegenwart von Terror und Kriegen - Von Raida Chbib

Moderate Kräfte müssen gestärkt werden

Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab. Unbehangen macht sich allerorts breit. Auch für Muslime verheißen diese Zeiten nichts gutes. In vielen geschundenen muslimischen Gesellschaften unweit Europas brodelt oder blutet es. Andererseits verfestigt sich auf unserem Kontinent die Gleichung: Gefahr + Terror = Islam. Der Islam wird der Öffentlichkeit heutzutage von Terrorexperten und Geheimdienstlern präsentiert, in der Karikatur von Bin Laden und Co. Hinzu kommt die Terrorgefahr vor der eigenen Häustür, die ausgerechnet von Attentätern muslimischen Galubens ausgeht. Das macht den Alltag von Muslimen in europäischen Gesellschaften alles andere als einfach.

Herausforderungen durch hausgemachte Attentäter
Nun ist durch die vereitelten Anschläge in Deutschland und Großbritannien auch noch das Phänomen des „homemade“ Attentäters in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Dass junge, hier sozialisierte, scheinbar gut integrierte Muslime Terroranschläge auf europäische Städte planen, wirft große Fragen auf. Mit wachsender Besorgnis blicken auch Muslime dieser neuen Entwicklung entgegen, welche ihre Gemeinden vor ungeahnte Herausforderungen stellen. Einerseits wird seitens der Gesellschaft noch fordernder und misstrauischer auf muslimische Einrichtungen und Erscheinungen geblickt.
Andererseits wird besonders durch weltpolitische und –wirtschaftliche Missstände ein Radikalismus bei Muslimen geschürt, den die friedliche muslimische Mehrheit nur noch schwer einhegen kann und vor dem ihre Verantwortungsträger schon lange warnen. Durch den einhelligen Verweis auf den Islamismus als die Quelle des heutigen Terrorismus wird de facto die Ursache für diese extremen Gewalterscheinungen nach wie vor hauptsächlich im Islam und innerhalb muslimischer Kreise gesucht und die Verantwortung dafür manchmal indirekt, andere Male direkt, Muslimen angelastet. Der allseitigen Erwartungshaltung, die mehr abverlangt als gemeinsame Verlautbarungen, können sich muslimische Verbände längst nicht mehr entziehen.

Terrorbekämpfung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Doch angesichts der komplexen und vielschichtigen Ursachen, welche der offensichtlich zunehmenden Radikalisierung und Gewaltbereitschaft unter Muslimen auch in Europa zugrunde liegen, wäre es vermessen, überwiegend ihnen diese Problematik anzulasten. Kriege und Instabilität in den Herkunftsländern, hier politische Entscheidungen zu Ungunsten praktizierender Muslime, verschiedene Alltagsprobleme, mangelnde Anerkennung, polizeiliche Maßnahmen gegen Gemeinden usw. machen es ihnen zudem nicht einfacher. Zu Recht wird von Seiten muslimischer Sprecher darauf verwiesen, dass die Terrorbekämpfung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, an der sich Muslime beteiligen wollen. Schließlich werden sie durch den blindwütigen Zerstörungswillen neuer Terroristen genauso bedroht, wie alle. Es ist an der Zeit, sie dabei als Partner zu betrachten und bisherige Strategien der Politik und des Verfassungsschutzes zu revidieren. Terroristen operieren und planen im Untergrund und nicht an öffentlichen Orten, wie Moscheegemeinden.

Kollektive Zurückhaltung
Das derzeitige Unvermögen von Muslimen in Deutschland, so zu reagieren, wie es ihre gesellschaftliche Umwelt und die Erfordernisse unserer Zeit verlangen, hat seine Gründe. Vielleicht könnte man die derzeit verbreitete Haltung unter Muslimen mit dem Begriff „Lähmungserscheinung“ umschreiben, die mitunter auf die jüngsten Kriegsereignisse im Libanon zurückzuführen ist, die sich in einer unendlichen Kette aus extrem negativen Nachrichten zu Terror, Elend, Unrecht, Repressionen und Katastrophen aus den Herkunftsregionen einreihen. Hinzu kommen manchmal negative Alltagserfahrungen, Enttäuschungen über die hiesige Medienberichterstattung oder über die Politik. Das polarisiert: Viele stumpfen ab und/oder resignieren. Andere stauen Aggressionen auf. Wo das hinführen kann, zeigen eben im Extremfall Radikalisierungstendenzen bei jüngeren Muslimen.

Religion ist nicht die Ursache für den heutigen Terrorismus
Eine entscheidende Frage, die sich Muslimen nach jeder Terrordiskussion aufdrängt, ist: Wie erkennt man fanatisches oder gefährliches Gedankengut? Und wie dämmt man Radikalisierungstendenzen unter Muslimen ein? Es hat sich wiederholt gezeigt, dass Religion für Extremisten nicht etwa der Auslöser für ihre Radikalisierung ist, sondern vielmehr ein Mittel, dem sie sich bedienen, um ihre Ansichten oder Taten moralisch zu rechtfertigen. In der Regel wird daher die Saat für eine extremistische Weltsicht und für eine feindselige Einstellung gelegt worden sein, noch bevor sich junge Leute endgültig einer bestimmten fanatischen Gruppe zuwenden und fehlgedeutete religiöse Ideen zur Untermauerung ihrer eigenen Weltsicht instrumentalisieren. Geht man davon aus, dass Radikalisierung und Gewaltbereitschaft unter anderem aus aufgestauten Frustrationen angesichts multipler Missstände resultieren, so können Muslime lediglich an den Symptomen arbeiten, indem sie einige ihrer Folgen einhegen.

Monokausale Verweise auf den Islam bzw. „Islamismus“ als Keimort für Extremismus und Gewaltbereitschaft und vor allem die Umschreibung heutiger Terroraktionen als „Islami(sti)schem Terror“ führen demnach in die Irre. Sie betonen – so wie es nicht einmal in dem terroristisch geprägten Religionskonflikt Nordirlands passiert ist – u.a. begrifflich die feste Verkettung des Terrors mit der Religion der Täter. Kein Wunder, dass dies in der Regel eine lähmende Abwehrhaltung bei muslimischen Verantwortlichen auslöst. In ihren Stellungnahmen verweisen sie regelmäßig und einhellig darauf, Terror habe nichts mit dem Islam zu tun und man würde Verdächtige den Behörden melden. So weit so gut - so wenig reicht dies aber.

Gegen den Missbrauch der Religion
Muslimen lastet nämlich im Interesse ihres eigenen Glaubens die Notwendigkeit an, gegen den Missbrauch der eigenen Religion zur Kultivierung von Feindseligkeiten oder gar zur Legitimierung von Gewalt oder Mord, vorzugehen. Leider stammen viele der Terrorverdächtigen und -täter heute nunmal aus dem islamischen Kulturkreis. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich globale Konfliktlinien seit dem Ende des Ost-West Konflikts verschoben haben und spätestens seit 2001 ersetzt wurden durch den „Kampf gegen den islamistischen Terror“. Manche von ihnen benutzen religiös untermauerte Ideen als Antrieb oder als Legitimation für ihre Verbrechen.
Es ist an der Zeit, sich dieser Realität als Muslime in Europa zu stellen, indem man sich einerseits trotz Rückfälle in den eigenen Bemühungen um Akzeptanz, weiterhin für ein friedliches Zusammenleben von Muslimen mit der gesellschaftlichen Umwelt und für mehr Verständigung und Integration einsetzt. Zweitens indem man gezielter gegen radikales Gedankengut in den eigenen Reihen vorgeht, und kleinen Gruppen, die sich meist jenseits der etablierten Gemeinden zusammenfinden, das Wasser entzieht. Dazu müsste man sich etwa den brisanten Themen unserer Zeit angemessen stellen, mit denen bestimmte Gruppen junge, enttäuschte Leute an sich ziehen könnten. Ausgewogene und theologisch fundierte Antworten auf diese Fragen sind hierzu vonnöten, auf die sich Imame und sonstige Muslime beziehen können, um religiös getarntes explosives Gedankengut zu entblößen und zu entschärfen. Insgesamt müssten moderate Muslime und Gemeinden viel engagierter, glaubwürdiger und fundierter die wesentlichen ethischen Grundsätze ihres Glaubens vertreten und durchsetzen. Vielleicht haben aber hier auch politische und nachrichtendienstliche Maßnahmen der vergangenen Jahre „die Moderaten“ von einem Engagement abgeschreckt und „Scharfmacher“ in ihrer Einstellung und ihrem Eifer bestärkt. Doch Europa braucht erstere heute dringender denn je. Wer sie sind, ist eine Frage der Perspektive. Aus der Perspektive der meisten Islamexperten Europas wird man diese kaum als solche bezeichnen, da man ihnen „streng konservative“ oder gar „fundamentalistische“ Züge zuschreibt. Binnenislamisch gelten dieselben hingegen als eher liberal. Nur sie können jedch innerislamisch etwas bewegen, da sie einerseits aufgrund ihrer Religiösität über ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit unter Muslimen verfügen und andererseits aber auch den Draht zur gesellschaftlichen Umwelt haben und damit auf die Zeichen der Zeit eingehen können. Sie kalt zu stellen oder gar gesellschaftlich auszugrenzen, käme einer Entkräftung der wichtigsten Abwehr gegen den Extremismus unter Muslimen gleich.

Raida Chbib ist Politikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin am Forschungsprojekt zur Religiösen Vielfalt in NRW, siehe Internetseite: www.religion-plural.org




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