Newsnational Montag, 06.03.2006 |  Drucken

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Muslimisch, weiblich, unerwünscht: Kopftuch als Eye-catcher, aber nicht als gesellschaftliche Normalität – Von Irmgard Pinn

Strategie der Veranstaltung der nordrhein-westfälischen Landesregierung anlässlich des Frauentages ist zweifelhaft

Sie ist jung und lächelt offen und fröhlich in die Kamera. Sie trägt ein leuchtend rotes Tuch um den Kopf geschlungen. Sie ist eine Muslima, eine - wie die meisten in Deutschland - mit "Migrationshintergrund". Ihre Eltern mögen vor vielen Jahren aus Nordafrika oder Ägypten eingewandert sein. Nun wurde ihr Bild von der nordrhein-westfälischen Landesregierung als Blickfang für die Einladung zu einer Veranstaltung anläßlich des diesjährigen Frauentages ausgewählt. Die neben ihr offenbar als Repräsentantin der deutschen Mehrheitsgsellschaft abgebildete blonde junge Frau tritt optisch etwas in den Hintergrund. Dennoch wird auf den ersten Blick klar, um was es hier geht - um muslimische Frauen und um den Dialog mit dem Islam.

Beides steht ganz oben auf der Agenda der seit Sommer vorigen Jahres in Düsseldorf amtierenden CDU-FDP-Koalition und findet in der Person des Ministers Armin Laschet (CDU), der praktischerweise sowohl für Frauen als auch für Integration zuständig ist, einen eifrigen Verfechter. Zu seinen dringlichsten Anliegen zählt ein Gesetz, mit dem muslimischen Lehrerinen auch in NRW untersagt werden soll, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Gleichauf rangieren die Bekämpfung von Zwangsehen und Ehrenmorden. Die Veranstaltung "Muslimisch, weiblich, gleichberechtigt?" zum Frauentag darf daher als programmatisch wegweisend verstanden werden und insbesondere einen Eindruck davon verimitteln, wie die Landesregierung diesen "Dialog" zu führen gedenkt.

Als Referenten sind der Politologe Bassam Tibi und die Autorin Serap Cileli eingeladen. Tibi ist durch zahllose Vorträge und Publikationen als leidenschaftlicher Warner vor dem "Fundamentalismus" und einem den Weltfrieden gefährdenden "Kampf der Kulturen" bekannt geworden. Immer wieder malt er das Horrorszenario einer drohenden Islamisierung Europas in düstersten Farben aus und wird nicht müde, dagegen sein den Islam in ein laizistisches Korsett pressendes, auf individuelle Spiritualität, Lebenshilfe und Trostfunktionen reduzierendes Euro-Islam-Konzept in Stellung zu bringen. Muslimische Migranten, so Tibi, sind - jedenfalls solange wie sie nicht auf wesentliche Elemente ihrer Religion und jeglichen Anspruch verzichten, als Muslime am öffentlichen/politischen Leben teilzunehmen - nicht integrationswillig, die deutsche Mehrheitsgesellschaft hält er im Gegenzug für nicht integrationsfähig, d.h. unwillig oder außerstande, den zugewanderten Muslimen klare leitkulturelle Richtlinien vorzugeben und einen entsprechenden Forderungskatalog aufzustellen.

Schuld daran sind nach seiner Überzeugung die von multikulturellen Illusionen verblendeten Gutmenschen in Politik, Wissenschaften und Medien, nicht zuletzt auch jene Christen, die sich seit vielen Jahren in interreligösen Dialogveranstaltungen abmühen und nichtsdestotrotz (bzw. deswegen) von ihren muslimischen Gesprächspartnern an der Nase herumgeführt und verachtet werden. Sollten sie das nicht endlich erkennen bzw. von klarsichtigen, realistischen und verantwortungsbewußten Kräften überstimmt werden, prognostiziert Tibi auch für deutsche Städte blutige Straßenkämpfe, in denen von Islamisten aufgehetzte türkisch- und arabischstämmige No-Future-Kids sich an der allzu "toleranten" hiesigen Gesellschaft rächen werden. Das Kopftuch ist für Tibi ein Instrument in diesem Machtkampf um die Vorherrschaft in Europa. Zwar müsse aufgrund der deutschen freiheitlich-pluralistischen Grundprinzipien hingenommen werden, daß eine Muslima aus privaten Gründen ihr Haar bedeckt, nicht aber das "demonstrative" Tragen eines Kopftuches, schon gar nicht von Lehrerinnen in der Schule.
Wer nach welchen Kriterien befugt sein soll, zwischen einem "privaten" und einem "demonstrativen" Tuch zu unterscheiden - für viele muslimische Frauen immerhin eine Frage von existentieller Bedeutung - bleibt dabei offen, wird jedoch in der politischen Praxis durch Gesetze und Gesetzesinitiativen wie der aktuell in NRW anhängigen beantwortet. Tibi, der das "demonstrativ" getragene Kopftuch als ebensowenig mit dem Grundgesetz vereinbar hält wie die Verstümmelung weiblicher Genitalien, sieht sich selbst zwar immer noch als tapferen einsamen Kämpfer gegen eine breite Front aus Multi-Kulti-Träumern und Ignoranten, ist jedoch mit seinen Thesen und Empfehlungen längst im Mainstream von Politik und Medien angekommen und findet bei Feministinnen ebenso Beifall wie in Unionskreisen.

So auch Serap Cileli, die vor einigen Jahren mit ihrem Buch "Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre" und als Frontfrau einer Terre-des-Femmes-Kampagne gegen Zwangsehen bekannt geworden ist. Mit ihren Überzeugungen und Forderungen kann sie nahtlos an Tibi anknüpfen, z.B. mit ihren Warnungen vor einer - durch einfältige Deutsche "im Namen der Toleranz" geduldeten - drohenden Islamisierung, womöglich bis hin zur Einführung der Scharia "durch die Hintertür". Auch sie betrachtet das Kopftuch nicht nur als eine "Zwangsjacke für muslimische Frauen", sondern darüber hinaus als ein Symbol der "Absage an die westliche Gesellschaft und deren freiheitliche und demokratische Werte", wobei sie jedoch konsequenterweise auf Differenzierungen zwischen "privat" oder "demontrativ" getragenen Tüchern sowie sonstige Fragen nach Glaubensvorstellungen und Lebensentwürfen der Kopftuchträgerinnen verzichtet. Als "Gefangene des islamischen Fundamentalismus" haben diese für Cileli ohnehin weder die Qualifikation noch das Recht zur gleichberechtigten Teilhabe im öffentlichen Diskurs. Logisch folgerichtig ermuntert sie die politisch Verantwortlichen, nicht nur Lehrerinnen das Kopftuchtragen zu verbieten, sondern ebenso den Erzieherinnen und - nur Mut! - auch den Schülerinnen.

Üblicherweise dienen Impulsreferate dazu, ein Veranstaltungsthema aus unterschiedlichen, oft sogar aus gegensätzlichen Perspektiven zu betrachten. In diesem Falle könnten sie jedoch vorhersehbar auch im Duett gesungen werden. Die darin zum Ausdruck kommende Vorstellung der NRW-CDU vom "Dialog mit den Muslimen" wird in der anschließenden Podiumsdiskussion fortgesetzt, wo die "gute", als Dialogpartnerin willkommene Serap Cileli durch Güner Balci (Journalistin und Mitarbeiterin des Berliner Mädchenzentrums "Madonna") Verstärkung erhält. Als Teilnehmer vorgesehen sind des weiteren der Frauen- und Integrationsminister Armin Laschet sowie der Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt. Dieser genießt als Menschenrechts- und Integrations-Experte einen hervorragenden Ruf und wird aufgrund seiner besonnen-rationalen Position in den teilweise geradezu hysterisch geführten Debatten um Kopftuch, Zwangsheiraten und "Ehrenmorde" auch in der Muslimischen Community respektiert und geschätzt.

Ach ja, und dann wäre da noch jemand: Nadeem Elyas, bis vor kurzem Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Während seiner Amtszeit war er unermüdlich für den interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie die Integration religiös orientierter Muslime in die hiesige Gesellschaft im Einsatz. Weniger öffentliche Beachtung fand sein Engagement innerhalb der eigenen Community gegen Unwissenheit, Aberglauben und aus patriarchalen, feudal strukturierten Gesellschaften tradierte Sitten. Er kann also gewiß aus einer von der Sichtweise von Tibi und Cileli abweichenden Perspektive einiges zum Integrationsprozeß und zur Situation religiös orientierter Musliminnen in Deutschland beitragen. Doch es geht hier offenbar gar nicht um differenzierte, auf den Abbau von Vorurteilen und gemeinsame Strategien gegen Versäumnisse und Mißstände auf beiden Seiten angelegte Diskussion, weshalb für Elyas denn auch nur eine kleine Nebenrolle vorgesehen ist - wohl um den sonst allzu krassen Eindruck von Voreingenommenheit und Protektion zu mildern.

Ob sich für diese Veranstaltung tatsächlich keine gegenüber dem Islam und einer islamisch orientierten Lebensweise positiv eingestellte Muslima (mit oder ohne Kopftuch, gebildet, politisch interessiert und sozial engagiert) auftreiben ließ? Eine, die innerhalb der muslimischen Community gegen Gewalt und erzwungene Eheschließungen aktiv ist? Hat man überhaupt gesucht? Nicht wenige dieser Frauen haben allerdings aus ähnlichen Erfahrungen die Lehre gezogen, sich nicht länger als Alibi-Figur in einer von der Politik oder von den Medien offensichtlich zu ihren Ungunsten arrangierte Situation benutzen lassen.

Diese politische Strategie, wie sie dieser Veranstaltung zum Frauentag zugrundeliegt, wird nicht zur Behebung von Defiziten und Mißständen (deren Existenz überhaupt nicht abgestritten werden soll) führen, sondern die ohnehin im Mehrheitstrend liegende Schuldzuweisung an die muslimische Community und "den Islam" weiter verstärken und damit den offiziell propagierten Integrations- und Dialog-Zielen entgegenwirken.

Irmgard Pinn, Soziologin und Frauenrechtlerin, schreibt in Abständen für islam.de und andere Medien





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