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Mittwoch, 18.08.2021


Soldaten beim Abzug aus Afghanistan - Die hohen Berge im Hintergrund (Aufenthaltsort des Bergvolkes der Taliban)

20 Jahre Versagen in Afghanistan

Religionsgemeinschaften u. a. ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek zu der jüngsten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan

Berlin - Die Ereignisse in Afghanistan erfordern nach Meinung von Politikern und Vertretern von islamischen Verbänden in Deutschland sowie Kirchenvertretern eine kritische Bilanz des 20-jährigen Engagements am Hindukusch. Sie riefen am Dienstag zugleich zu schneller Hilfe für die Menschen im Land und besonders für Ortskräfte auf, die wegen ihres Engagements für Demokratie und Menschenrechte gefährdet sind, darunter vor allem Frauen. Europa müsse sich zudem auf eine neue Flüchtlingswelle einstellen. Es sei deswegen notwendig, auch die Nachbarstaaten Afghanistans zu unterstützen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte die Bilder aus Kabul "beschämend für den politischen Westen". Das Scheitern der jahrelangen Anstrengungen, ein stabiles und tragfähiges Gemeinwesen aufzubauen, werfe grundlegende Fragen zum außenpolitischen und militärischen Engagement Deutschlands auf.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte dazu in einem Interview im Bayerischen Rundfunk (BR) vom 17.08.2021: "Wir sind erschüttert, traurig, auch ein Stück weit wütend, wie Menschen sich aus dem Flugzeug stürzen, weil sie wirklich so verzweifelt sind und sich an das Flugzeug klammern. Das sind furchtbare Bilder.

Hier nun einige Auszüge aus dem Interview:

"Ich musss zudem feststellen wie wenig Selbstkritik, wie viel Selbstgerechtigkeit von Seiten der Bundesregierung und dem Westen vorhanden ist. Diese Machtergreifung der Taliban ist sicherlich eine desaströse Niederlage für den Westen, es ist aber auch ein Disaster für die Muslime weltweit, denn die allermeisten Muslime - und die Afghanen ohnehin - wollen kein archaisches  Leben gepaart mit einer Stammesdoktrin und das findet jetzt wieder an die Macht und deshalb ist es ein Desaster für alle.

Die Analyse, die man braucht, ist tatsächlich warum die sogenannte "Nation-Buildung" nicht geklappt hat oder gescheitert ist. Da lese ich auch jetzt wieder die ewiggestrigen Floskeln und Reaktionen, das man dies alles im Kontext der Religion sieht - da macht man es sich zu einfach. Man bedenke die Afghanen haben als Verteidigungs- und Abwehrruf "Allahu Akbar" geschrien, um den Taliban deutlich zu machen, dass sie nicht willkommen sind.


Bau und Fertigstellung einer Mädchenschule durch die Grünhelme in Afghanistan (über 30 Schulen in Afghanistan errichtet durch Grünhelme - Stand 2007)
"Ich musss dazu feststellen wie wenig Selbstkritik, wie viel Selbstgerechtigkeit von Seiten der Bundesregierung und dem Westen vorhanden ist."

Mir fehlt ein Stück weit eine Diskussion darüber. 20 Jahre waren wir da drin! Wieso ist es überraschend, was jetzt passiert? Wieso jetzt? Zudem tausende Zivilisten dabei gestorben sind - tausende Tote Soldaten davon auch unsere deutschen Soldaten  - Milliarden an Entwicklungshilfe, Milliarden an Verteidigung in das Land gesteckt, und jetzt alles abtun als seien wir überrascht? Das ist mir zu wenig. Für mich ist vor allen Dingen nicht der Krieg verloren, sondern die Aufklärung darüber. Bis jetzt zumindest.

Trotz allem, trotz der schlimmen Nachrichten, müssen wir an den Bemühungen der Evakuierungen der Mitarbeiter, die für uns bzw. für die westlichen Staaten gearbeitet haben, weiter festhalten und nicht diese aufgeben. Und dass wir auch ein umfassendes Schutzprogramm für die Flüchtlinge in den Nachbarstaaten entwickeln. Denn ich rechne eben nicht - wie es vielleicht hierzulande wieder kommt - mit einer großen Flüchtlingswelle nach Europa, sondern vor allen Dingen von einer Flüchtlingswelle in die Nachbarstaaten."

Mazyek führte weiter aus, über die Erfahrungen mit Rupert Neudeck, dem Mitbegründer von Grünhelme wie auch Herr Mazyek selbst, einer Hilfsorganisationen, die für den Aufbau von Schulen, Krankenhäusern und Infrarstrukturen in Krisengebieten zuständig ist - auch in Afghanistan:

"Wir waren mit Rupert Neudeck, der inzwischen verstorbene Mitbegründer der Grünhelme, viel in Afghanistan unterwegs und haben dort Schulen mitaufgebaut, insbesondere Mädchenschulen. Eines unserer wichtigsten Forderungen war immer wieder, dass wir nicht nach Kabul reingehen, in die sogenannte Hauptstadt, sondern dass wir uns wirklich entlegen in den Dörfern befinden. Warum?

Weil die Struktur Afghanistans überhaupt nicht ausgelegt ist, auf solch eine Hauptstadt, die alles angeblich organisieren muss.

Was hat Deutschland in den 20 Jahren gemacht? Die ganze "Nation-Buildung" hat so getan als gäbe es eine Hauptstadt Kabul und Afghanistan würde sich danach richten. "Pustekuchen", dies ist nicht passiert!

Da man die einfache Regel, dass dieses Land, tribal, stammesmäßig aufgebaut ist, in den Bergen und Dörfern lebend, einfach missachtet hat. Und so kann ich eben kein "Nation-Buildung" betreiben. Wenn ich mir die Augen über die Realität vor Ort verschließe, dann darf ich mich nicht am Ende wundern, wenn so etwas passiert.


ZMD-Vorsitzender und Mitbegründer von Grünhelme, Aiman Mazyek (rechts) mit Mitbegründer von Grünhelme und Gründer von Cap a Namur, Rupert Neudeck (links)
"Man bedenke die Afghanen haben als Verteidigungs- und Abwehrruf "Allahu Akbar" geschrien, um den Taliban deutlich zu machen, dass sie nicht willkommen sind!"

Es gab Warnungen in der Bundeswehr und von Ausbildern, die gesagt haben, "ich habe kein gutes Gefühl, ich habe den Eindruck, dass da ab und an rekrutierte Leute kommen, die möglicherweise gar nicht in unserem Sinne als Polizist oder als Soldat ausgebildet werden wollen. Und genau jene sind es, die direkt zu den Taliban übergegangen sind. Das heißt mit unseren Steuergeldern ist dies jahrelang, jahrzehntelang gemacht worden, ohne dass wir das überarbeitet oder eine kritische Folie drübergelegt haben, sondern stur jahrzehntelang daran festgehalten haben. Ich finde dies unerhört und ich verstehe nicht wie das so lange möglich ist und dabei auch noch Unmengen an Steuergeldern gekostet hat.

Die Arbeit mit Rupert Neudeck hat uns viele Erfahrungen über Afghanistan gelehrt. Beispielsweise haben wir auf Schulen insbesondere Mädchenschulen vor Ort bestanden. Und natürlich haben wir auf der anderen Seite gewisse Vorbehalte gespürt, aber es gab auch sehr fruchtbare Diskussionen. Aber natürlich ist bei den Menschen auch vorgedrungen, das Bildung und Wissen, ein ganz wichtiger Schlüssel fürs Leben ist. Genau so muss ein Händeln und Austarieren stattfinden.

Aber wenn ich natürlich geschützt in meinen gepanzerten UN-Limousinen in Kabul sitze und von der Realität keine Kenntniss habe oder vielleicht nicht will, dann muss ich mich nicht wundern, wenn angeblich dann das Land so schnell wieder von irgendeiner Ordnungsmacht eingenommen wird, die rückständig und ein archaisches Leben mit Stammesdoktrin propagiert.

All das wird nicht den Ortskräften vor Ort nicht helfen, deswegen ist unser ganzes Engagement und unsere Herzen bei denen, die dort schutzlos ausgesetzt sind und ich hoffe dass wir irgendwelche Wege finden trotzdem hier zu evakuieren und die Menschen letztendlcih vor ihrem sicheren Tod vor den Taliban zu bewahren."

Nach Ansicht der Deutschen Bischofskonferenz stellt die Machtübernahme der Taliban "eine desaströse Niederlage" der USA und anderer westlicher Staaten dar. "Die jetzt eingetretene Lage zehrt das politische Vertrauenskapital der westlichen Länder auf und wird von vielen in aller Welt als moralischer Bankrott verstanden", sagte der Konferenzvorsitzende, Bischof Georg Bätzing.

Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) forderte eine Debatte über Deutschlands Rolle. ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann unterstrich, dass das Konzept des "nation building" gescheitert sei. Der Westen habe die zivilen, friedensfördernden Kräfte nicht ausreichend gestützt. Der Deutsche Caritasverband sprach von einem massiven politischen Versagen auch der Bundesregierung. Oliver Müller, Leiter von Caritas international, forderte eine umgehende Evakuierung von Mitarbeitenden von Nichtregierungsorganisationen, die sich für Freiheit und Menschenrechte eingesetzt haben.



Erster Skatepark für Kinder und Jugendliche in Afghanistan gebaut durch Grünhelme
"Aber wenn ich natürlich geschützt in meinen gepanzerten UN-Limousinen in Kabul sitze und von der Realität keine Kenntniss habe oder vielleicht nicht will, dann muss ich mich nicht wundern, dass das Land so schnell wieder eingenommen wird."

Auch Diakonie, Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe forderten eine unbürokratische Aufnahme besonders gefährdeter Personen. Anrainerstaaten wie die Türkei, Pakistan und der Iran brauchten Unterstützung, um diese Menschen aufzunehmen.

Unterdessen rief die Welthungerhilfe dazu auf, die Zivilbevölkerung in Afghanistan trotz der Taliban nicht im Stich zu lassen. Rund 18,4 Millionen Afghanen hätten nicht genügend zu essen. Schon jetzt seien die Hilfsprogramme unterfinanziert, sagte Generalsekretär Mathias Mogge der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Das katholische Hilfswerk Misereor sprach sich für eine Fortsetzung der Entwicklungshilfe für Afghanistan aus. "Unsere Partner sehen mit Sorge, wenn die Hilfen vom Engagement der Taliban für eine umfassende Friedenslösung und der Achtung der Grundrechte abhängig gemacht werden", sagte Misereor-Länderreferentin Anna Dirksmeier der KNA."

Ohne Zweifel müssen die Wahrung beziehungsweise die Wiederherstellung der Menschenrechte das leitende Ziel einer jeden Politik sein", betonte Dirksmeier. "Allerdings steht derzeit die Befürchtung im Raum, dass die Entwicklungshilfe gekürzt wird. Das würde die Zivilbevölkerung in Afghanistan hart treffen." Zuvor hatte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) mitgeteilt, dass die staatliche Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan derzeit ausgesetzt sei.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl fordert eine Luftbrücke zur Rettung gefährdeter Menschen aus Afghanistan. Die bisherigen Evakuierungspläne der Bundesregierung griffen zu kurz. "Taliban halten sich nicht an die deutsche Kernfamilie", erklärte Pro Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt in Frankfurt. Auch erwachsene Angehörige von Ortskräften, Angehörige von politisch Verfolgten sowie bei Subunternehmen Beschäftigte seien in Gefahr. Das gelte auch für Angehörige von in Deutschland lebenden Schutzberechtigten.


Zum vollständigen Interview des ZMD-Vorsitzenden Mazyeks mit dem BR geht es hier