Newsinternational Sonntag, 21.08.2005 |  Drucken

Banken pilgern nach Dubai

Institute bieten islamkonforme Anlageformen an

Die Finanzkonzerne entdecken den Nahen Osten. Vor allem von Dubai aus, dem Tor zu Asien und Europa, wird die Region erschlossen. Kulturelle Aspekte stellen eine besondere Herausforderung dar. Das Zinsverbot der Scharia etwa zwingt die Banken, mit ihren Produkten neue Wege zu gehen.

Wenn es Abend wird in Dubai, lässt die Hitze des Tages nach und ein laues Lüftchen weht. Dann leben die Menschen in der Stadt auf, und sie verlassen ihre klimagekühlten Villen. Am Parkhaus des Deira City Centre reiht sich Auto an Auto.

Dubai spielt in einer anderen Liga. Aus dem Höher, Größer, Schneller beispielsweise von New York ist in Dubai das Teurer, Neuer, Luxuriöser geworden. Die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate wächst in unglaublicher Schnelligkeit, auf Sand wird hier nichts gebaut. Das Öl, das die Prospektoren in den 60er Jahren in den Emiraten fanden, machte die Herrscher des Föderationszusammenschluss zu reichen Menschen. Doch die Quellen werden versiegen, manche über kurz, andere über lang. Den Plan für die Zeit danach haben die Herrscher längst entworfen: Sie wollen die Emirate am Persischen Golf zu einem internationalen Zentrum für Tourismus und Handel ausbauen.

Der Nahe Osten gilt der Branche als Zukunftsmarkt, denn das Finanzwesen der islamischen Volkswirtschaften ist längst nicht so ausgeprägt wie im Westen. Zudem bietet die Finanzindustrie enormes Wachstumspotenzial: Experten schätzen das verfügbare Vermögen auf 1,5 Billionen Dollar. HSBC, Citigroup, UBS und BNP Paribas beispielsweise zählen zu den internationalen Banken, die dort Geschäfte machen. Ein erster Schritt ist die wachsende Zahl von islamischen Anleihen, so genannten Sukuks.

Für die westlichen Kreditinstitute besteht eine große Herausforderungen darin, dass sie mit ihren Produkten die Scharia einhalten müssen. Frei übersetzt heißt es im Koran, "Allah hat das Handeln erlaubt, das Zinsnehmen jedoch verboten". Die islamischen Gesetze besagen beispielsweise, dass jegliche vorher festgelegte Zahlung über dem aktuellen Tilgungsbetrag verboten ist; der Kreditgeber muss teilhaben an Gewinnen oder Verlusten aus dem Vorhaben, für das Geld geliehen wurde; Geld mit Geld zu verdienen ist untersagt. Investitionen dürfen nur in Geschäftsmöglichkeiten oder Produkte erfolgen, die nicht gegen die islamischen Gesetze verstoßen. Prinzipiell ist gemäß der Scharia der Handel mit Alkohol, Tabak und Schweinefleisch verboten und Glücksspiel darf nicht finanziert werden.
Europa, Asien/Pazifik, die Vereinigten Staaten - seit Mai zeigt auch die Deutsche Bank deutlich Flagge im Nahen Osten: "Wir haben unsere regionale Aufstellung erweitert um eine Geschäftsleitungsposition für den Mittleren Osten und Nordafrika, Sitz ist in Dubai", erklärt Bank-Sprecher Ronald Weichert.
Der Finanzdienstleister ist mit Dependancen in der gesamten Region einschließlich Bahrain und Ägypten vertreten. Als erste Auslandsbank hatte der deutsche Branchenprimus eine Zulassung zur Aufnahme von Geschäftsaktivitäten in Saudi-Arabien erhalten.

Wohl im September soll auch eine Dependance in der Hauptstadt Riad eröffnet werden. Ein Joint Venture ist die Bank dort bereits im April mit einem regionalen

Partner, der Al Azizia Commercial Investment Company, eingegangen, um den Markt erschließen zu können.
Die Deutsche Bank hat eine islamkonforme Produktpalette entwickelt, die teils mittelbar Investitionen in eine Vielzahl von Anlageformen ermöglicht. Die Spanne reicht von kurzfristigen Geldmarktanlagen über Immobilien bis hin zu Hedgefonds. Das Geschäft läuft zweigleisig. Im Private Wealth Management werden vermögende Privatkunden beraten. So werden beispielsweise Wertpapiere strukturiert, die sich dadurch auszeichnen, dass sie keine Verzinsung im klassischen Sinne aufweisen, sondern Erträge in anderer Form ausschütten. Der zweite Sektor ist die Betreuung von Geschäftskunden und institutionellen Anlegern.

Ein Beispiel kommt aus Saudi Arabien: Spezialisten haben eine Anleihe für den Bau des Safa Tower in Mekka - einer der größten Gebäudekomplexe weltweit - entwickelt, die eine dreijährige Laufzeit hat und damit die gesamte Bauperiode abdeckt. Anstelle einer Verzinsung werden den Investoren Zeichnungsrechte gewährt, mit denen sie Appartements oder ganze Stockwerke erwerben können.

Entscheidend für die erfolgreiche Arbeit am neuen Markt ist die Partnerschaft mit dem Oxford Centre for Islamic Studies. Das Londoner Haus der Investitionen, Dar Al Istithmar Limited, steht den Produktentwicklern als Berater zur Seite, wenn es um die islamische Gesetzgebung geht. Zudem ermöglicht es den Zugang zu einem Scharia-Komitee. Die Anerkennung des Produkts durch ein solches Komitee als schariakonform ist Voraussetzung, um diese überhaupt absetzen zu können.
Ein weitere Schritt wird die Eröffnung der Dubai Börse im September sein. Durch das Handeln an dieser Börse - in Dollar, versteht sich - können die westlichen Institute dann auch die Zeitkette rund um den Globus schließen und die Verschiebung zwischen London und Singapur überbrücken. Um einen liquiden Handel mit Sukuks betreiben zu können, ist es erforderlich, dass ein Marktvolumen in Höhe von zehn Milliarden Dollar existiert. Zu Zeit liegt es nach Expertenschätzungen bei 2,5 Milliarden Dollar. (Ines Stickler, Frankfurter Rundschau, 19.08.2005)





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