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Freitag, 08.05.2020


Der 08. Mai, ein für Muslime sehr wichtiges Datum

Das Hitler-Regimes kapitulierte gegenüber den Alliierten, an der Seite auch Muslime kämpften. Es ist auch ein bis heute dunkler Fleck, was die Aufarbeitung der blutigen Niederschlagung der algerischen Freiheitsbewegung durch Frankreich angeht - Von Mohammed Belal El-Mogaddedi

Vor fast genau 35 Jahren hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai im Bundestag eine Rede anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus. Auch heute noch zählt seine Rede zu den wichtigsten Reden, die in Deutschland je zu diesem Thema gehalten wurde. Vielleicht bleibt es die wichtigste Rede, die je in Deutschland zu diesem Thema gehalten wurde.

Es dauerte nur wenige Minuten bis Richard von Weizsäcker den prägendsten Satz seiner Rede aussprach. Er sagte:

Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Und weiter: „Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte…Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Diese sich in jeder Hinsicht ehrlich machende Auseinandersetzung des höchsten Würdenträgers der Bundesrepublik Deutschland mit dem dunkelsten Kapitel der gesamten deutschen Geschichte ist von einer einzigartigen Vortrefflichkeit, und bleibt eine großartige Zurückweisung an die Adresse derjenigen wenigen geschichtsvergessenden Kleingeister im heutigen Deutschland gerichtet, die die schrecklichen Ereignisse von 1933 bis 1945 am liebsten aus der kollektiven Erinnerung löschen wollen.

Auch Muslime habe einen entscheidenden Beitrag zur Befreiung der Welt von der Gefahr des Faschismus und des Nationalsozialismus geleistet. Winston Churchill selbst gab zu, dass Großbritannien den Krieg ohne die indische Armee nicht hätte gewinnen können. Bis zu 40 Prozent der indischen Armee waren Muslime, obwohl sie nur etwa 25 Prozent der indischen Gesamtbevölkerung ausmachten. Winston Churchill fasste diesen muslimischen Beitrag in seinem Brief an den US-Präsidenten Franklin Roosevelt zusammen. Er schrieb: "Wir dürfen auf keinen Fall mit den Muslimen, die hundert Millionen Menschen repräsentieren, und den wichtigsten Elementen der Armee, auf die wir uns für die sofortigen Kämpfe verlassen müssen, brechen."

Die Geschichte von Noor Inayat Khan ist nur eine von vielen Geschichten, die Muslime für die Befreiung Deutschlands und Europas schrieben. Sie war eine Agentin der britischen nachrichtendienstlichen Spezialeinheit SOE. Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges ließ sie sich zur Krankenschwester ausbilden. 1940 verließ sie mit ihrer Familie Paris und floh vor den deutschen Besatzern nach London. Im November 1940 trat Khan in die ”Women’s Auxiliary Air Force” (WAAF) ein, um zum Unterhalt der Familie beitragen zu können, obwohl der Militärdienst ihrer pazifistischen religiösen Überzeugung widersprach. Sie wurde zur Funkerin ausgebildet und leistete ihren Dienst auf einem Militärflugplatz. Im Oktober 1942 wurde sie von der SOE wegen ihrer perfekten Französischkenntnisse für die Sektion „F“ angeworben, um im besetzten Frankreich die Résistance zu unterstützen, und erhielt eine umfangreiche Ausbildung.

Khans tiefe Spiritualität - geprägt von ihrem muslimischen Vater - bedeutete, dass sie an einen Dienst für ein größeres Wohl glaubte und nicht zusehen konnte, während Hitler und seine Schergen ihre grauenhaften Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen.

Khan half dem französischen Widerstand und entging vier Monate lang der Gefangennahme. Während dieser Zeit half sie, jüdische Leben zu retten und im Alleingang gelang ihr die Rettung abgeschossener britischer und amerikanischer Piloten. Im Oktober 1943 wurde sie gefangen genommen und ein Jahr später hingerichtet.

Als eine von 91 Männern und 13 Frauen, die im Dienst von SOE für die Freiheit Frankreichs starben, wird sie auf dem SOE-Mahnmal in Valençay im Département Indre gewürdigt. Eine Gedenktafel im Krematorium im KZ Dachau erinnert ebenfalls an sie. Im Londoner ”Gordon Square Garden” steht eine Statue von Noor Inayat Kahn. Khan wurde posthum in Großbritannien das Georgs-Kreuz verliehen, die höchste zivile Tapferkeitsauszeichnung. In Frankreich wurde sie mit dem ”Croix de guerre” geehrt. Der frühere britische Premierminster David Cameron lobte ihre "inspirierende Selbstaufopferung" und ihren "unbezwingbaren Mut".

So erstaunlich die Geschichte von Noor Inayat Khan auch ist, ihre ist nur eine Geschichte. Es gibt noch viele andere zu erzählen und viele, die ignoriert wurden. Hollywood kämpft immer noch mit seiner Darstellung von Muslimen und kehrt allzu oft zum muslimfeindlichen Stereotyp zurück, selbst wenn die realen Rollen Opfer, Mut und Loyalität beinhalten. Der Beitrag der Muslime zum Sieg über Nationalsozialismus und Faschismus wird leider auch in Klassenzimmern und in vielen Geschichtsbüchern nie thematisiert.

Michael Wolfe, der Prodeznt einer Dokumenation über das Leben von Noor Inayat Khan, sagte: „Es scheint die Tendenz zu bestehen, zu vergessen, dass sich Hunderttausende von Freiwilligen aus Indien den britischen Streitkräften angeschlossen haben. Viele von ihnen waren Muslime und wurden in großer Zahl dekoriert und starben....Es scheint auch eine Tendenz zu geben, die Algerier und Nordafrikaner, die alle Muslime waren und zu Zehntausenden auf französischer Seite gekämpft haben, aus der Erzählung herauszulassen. In beiden Fällen handelte es sich um Bürger von Ländern, die unter kolonialem Druck von genau den Ländern standen, denen sie dienen wollten. Es war eine moralische und ethische Entscheidung [für sie], über ihre Qual hinauszuschauen, um einem höheren Zweck zu dienen.“ Im heutigen Frankreich scheinen viele leider vergessen zu haben, dass Frankreich auch Muslimen seine Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft verdankt.
Das muslimische Lifestyle-Magazin ”Emel.com” weist darauf hin, dass laut der ”Commonwealth War Graves Commission” in beiden Weltkriegen mehr als 161.000 indische Armeesoldaten getötet wurden.

In einem Beitrag des Magazins mit dem Titel ”Vergessene Helden - Der muslimische Beitrag”, steht zu lesen: "Als Großbritannien vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg kämpfte, wurde es zunehmend abhängig von der indischen Armee: der größten Freiwilligenarmee in beiden Weltkriegen, da sich Männer zum Kampf anmeldeten, anstatt eingezogen zu werden."
Wie traurig, dass dieses gemeinsame, verbindende Erbe einer großen Geschichte von Widerstand und Befreiung der großen Mehrheit unserer Gesellschaft nicht bekannt ist.

Jeder, der in diesen Tagen für die Freiheit und den demokratisch verfassten Rechtsstaat kämpft, verdient es, in Erinnerung zu bleiben, unabhängig von seiner Religion. Dies könnte einen zentralen Beitrag dazu leisten, bestehende Vorurteile abzubauen und den Zusammenhalt unserer pluralen Gesellschaft im Kern zu stärken.

Zudem sei hier noch dieses erwähnt:

Nach genau 60 Jahren hat sich die ehemalige Kolonialmacht Frankreich erstmalig dazu entschlossen, ein von ihr am 08. Mai 1945 in Algerien angerichtetes Massaker offiziell einzugestehen und zu bedauern. Ein erster und wichtiger Schritt zur Anerkennung des immensen menschlichen Leids, das Franzosen den Algeriern jahrzehntelang zugefügt haben.

Am 08.Mai 1945 zogen große Menschengruppen freudig auch durch die Straßen des algerischen Sétif und feierten das gerade von der faschistischen Besatzung befreite Europa. Im Krieg hatten viele Tausend Algerier, wie zuvor beschrieben, als Soldaten des von General de Gaulle geführten Freien Frankreichs zum Sieg über die deutschen Aggressoren beigetragen. Zum Dank dafür erwarteten viele Algerier von Frankreich die Unabhängigkeit ihres Landes. Und so war dieser Freudentaumel des muslimischen Algeriens verbunden mit der freudigen Erwartung einer nahestehenden Unabhängigkeit des Landes, die Frankreich dann aber brutal, rücksichtslos und blutig niederschlug. Wie viele Menschen in diesen Mai-Tagen des Jahres 1945 ums Leben kamen, wurde nie festgestellt. Die Kolonialmacht unterband jegliche Nachforschungen. Schätzungen reichen von 10.000 bis 45.000 Toten. Auch daran sollten wir uns am 08. Mai erinnern und dieser Menschen gedenken.

Mohammed Belal El-Mogaddedi, Vorsitzender der Deutschen Muslim Liga e.V. (DML), die u.a. Gründungsmitglied des ZMD sind