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Montag, 09.07.2018


Forscher von Weltrang und Kulturbrückenschläger par excellence

Der desinteressierte bisweilen abweisende Umgang der Gesellschaft mit einem wie Fuat Sezgin ist kein Einzelfall – Von Aiman A. Mazyek

Da geht nicht irgendwer, da tritt ein Wissenschaftler von Weltrang ab - Deutscher und Türke zugleich. Mal mehr Türke, mal mehr Deutscher. Aber immer ein Suchender, ein Wissenschaftler, ein Kultur-Mittler, eine Brücke über die Ufer hinweg. Sein ganzes Leben widmete er dem Dienst der Wissenschaft und der Verständigung der Kulturen. Seine Tochter, eine deutsche Vorzeige-Journalistin, Philosophin, Veganerin und Tierrecht-Aktivistin. Seine Frau, eine Orientalistin, ebenso durch und durch Wissenschaftlerin, liebevolle Ehefrau und warmherzige Mutter, ein Fels in der Brandung.

Prof. Dr. Dr. h.c. Mehmet Fuat Sezgins Leben allein würde viel guten Stoff liefern können über wechselseitige Beziehungen, gemeinsame Geschichte, Aufbruch in eine  gemeinsame Zukunft, Verständigung, und ja auch für all die Sonntagsreden über die - aktuell arg gebeutelte - Deutsch-Türkische Freundschaft und etliches mehr. Doch, siehe da, nichts dergleichen passiert in meinem Land. In der Türkei bekommt er ein Staatsbegräbnis, Wertschätzung, Anerkennung und Würdigung.

Hierzulande lese ich kaum einen Artikel im Feuilleton oder anderswo, rühmliche Ausnahme die FAZ vom 03.07.2018. Deutschland entsandte keinen Botschafter zu seinem Begräbnis, auch keinen Vertreter der Universität oder vom Wissenschaftsrat. Ein paar versprengte Wissenschaftler meldeten sich am Wochenende verschämt zu Wort. Das war´s. Der große Fuat Sezgin wurde begraben zu Fuße seiner umfangreichen Bibliothek in der Altstadt von Istanbul, die er zu gerne in seiner neuen Heimat in Hessen aufgebaut hätte.




Der desinteressierte bisweilen abweisende Umgang der Gesellschaft mit einem wie Fuat Sezgin ist kein Einzelfall. Solche Geschichten passieren leider immer wieder in meiner Heimat. Im Großen wie im Kleinen. Wie denken Deutsche mit türkischen Wurzeln – und nicht nur sie - hierzulande darüber, wie fühlen sie sich, wenn sie dieses miterleben? Etwa wenn "Gastarbeiter", ohne deren Fleiß und Arbeitskraft heute Deutschland nicht dass ist, was es ist, und sie dennoch von einem früheren Bundepräsidenten kürzlich wegen ihres wegen ihre mangelnden Deutschkenntnisse in geschichtsvergessener Weise geschmäht wurden?  Oder wenn über jemanden wie Mesut Özil, ein großer Leistungsträger unserer Fußball-Nationalmannschaft, eine jämmerliche und von unverhohlenem Rassismus geprägte Debatte hereinbricht. Mir bleibt nur noch zu sagen: Wer Vielfalt und intellektuellen Reichtum in seiner Mitte nicht zu achten und schätzen weiß, ja sogar verachtet und einfach wegwirft, hat diese für jede Gesellschaft so wichtigen Werte am Ende auch nicht verdient. Im Koran heißt es in Sure 13, Vers 11: "Gott ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist." Dies gilt im Guten, wie im Schlechten. Mein Deutschland, was wird aus dir?