Newsinternational Mittwoch, 11.05.2005 |  Drucken

In Algerien und Paris wurde der Massaker durch die französische Kolonialmacht am Tag der Befreiung 1945 gedacht

60 Jahre nach den Ereignissen rief Algeriens Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika am Sonntag in Sétif Frankreich auf, endlich den Massenmord einzugestehen

Nahezu unbeachtet blieb der Protest Tausender Algerier am Sonntag in Paris. »Wir sind die Vergessenen der Republik«, stellten die
Demonstranten in der französischen Hauptstadt fest. Dort waren sie aus Anlaß des 8. Mai 1945 auf die Straße gegangen – des Tags der Befreiung
vom deutschen Faschismus, der allerdings für Algerien eine Doppelbedeutung besitzt. Daran erinnerten ebenfalls am Sonntag Tausende
Menschen in der 300 Kilometer östlich von Algier gelegenen Stadt Sétif, wo es 60 Jahre zuvor zu einem Massaker gekommen war. Dort verlangte
Algeriens Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika ein Schuldeingeständnis der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich.

Die Niederlage des deutschen Faschismus war 1945 auch in Algerien gefeiert worden. Aus dem nordafrikanischen Land – offiziell Teil Frankreichs, de facto eine französische Siedlerkolonie – waren etwa 200000 Algerier in französischen Uniformen an die vordersten Fronten des Zweiten Weltkriegs geschickt worden. Die erste Gruppe von ihnen sollte am 9. Mai in die Heimat zurückkehren. Am Vortag wurde der Sieg über Nazi-Deutschland gefeiert, zugleich aber auch die Forderung nach dem Ende der kolonialen Unterdrückung und der Unabhängigkeit Algeriens erhoben. In Sétif führten die Demonstranten Flaggen aller Siegermächte mit sich, auch die französische. Aber sie zeigten ebenso die algerische Flagge. In Sprechchören wurde ein Ende des Kolonialregimes verlangt.

Auf dem Weg zum Kriegerdenkmal, wo ein Kranz für die gefallenen algerischen Soldaten niedergelegt werden sollte, forderten Vertreter der Kolonialmacht die Entfernung der algerischen Flagge und schossen kurz darauf bereits in die Menge. Daraufhin kam es in Sétif und in den folgenden Tagen auch in der Umgebung zu einem spontanen Aufstand. Daraufhin massakrierte die französische Kolonialmacht die Einwohner von Sétif und Guelma. Abertausende Algerier wurden verhaftet und gefoltert. Es kam zu summarischen Hinrichtungen. Die Zahlen der ermordeten Algerier liegen europäischen Historikern zufolge zwischen 15000 und 20000. Offizielle algerische Quellen gehen von 45000 Toten aus.

60 Jahre nach den Ereignissen rief Algeriens Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika am Sonntag in Sétif Frankreich auf, endlich den Massenmord einzugestehen. »Das Paradox der Massaker vom 8. Mai ist«, so der Präsident, »daß an dem Tag, als die heldenhaften algerischen Kämpfer von der Front in Europa, Afrika und anderswo zurückkehrten, wo sie die Ehre und die Interessen Frankreichs verteidigt hatten..., die französischen Behörden auf friedliche Demonstranten schossen.«

Zum Eingeständnis des französischen Botschafters Hubert Colin de Verdière, daß es sich bei diesem Massaker um eine »unentschuldbare Tragödie« gehandelt habe, sagte Bouteflika: »Das algerische Volk wartet noch immer darauf, daß Frankreich der Erklärung des französischen Botschafters überzeugendere Gesten folgen läßt.« Zu denen, die am 9. Mai 1945 von der Front zurückkehrten, gehörte auch der Hauptmann Ahmed Ben Bella. Was er und andere Rückkehrer zu Hause dann erlebten, wurde mit zum Ausgangspunkt für den bewaffneten Befreiungskampf, der neun Jahre später begann und Ben Bella zum ersten Präsidenten des Landes machen sollte.(entnommen aus:www.jungewelt)





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