Newsinternational Dienstag, 03.05.2005 |  Drucken

Bradford: Muslime und Polizisten vereint gegen den Hass

Vor den Wahlen: Einwanderungsfragen, von den Konservativen nun zum Hauptthema gemacht, beschäftigen hier die Politik schon seit Jahren

Bradford – In der 270 Kilometer nördlich von London gelegenen, alten und einst reichen Industriestadt, wo es rund um die letzten britischen Wahlen zu schweren Krawallen mit Immigranten kam, herrscht heuer gespannte Ruhe. Und das, obwohl Bradfords Problem derzeit das Wahlkampfthema ist: Einwanderung.

Zwanzig Prozent der 500.000 Einwohner sind zugewandert, vor allem aus Pakistan und Indien. "Aber weil die Zuwanderer zumeist im Zentrum leben, glauben viele, dass es mindestens 50 Prozent sind", sagt Inspektor Martin Baines, der bei der Polizei für die Beziehungen zu den Minderheiten zuständig ist.

Vor der Wahl im Juni 2001 war der British National Party (BNP) ein Aufmarsch verboten worden, aber eine spätere Versammlung der militanten Ausländerhasser genehmigte die Stadtverwaltung. "Am 7. Juli kamen einige von ihnen am Bahnhof an, andere kamen aus Pubs, als die Gegendemonstration der Anti-Nazi-Liga explodierte", sagt Baines. Der stundenlange Kampf mit Stöcken und Brandbomben wurde zur Straßenschlacht junger Asiaten gegen die Polizei, bei der es 200 Verletzte gab.

"Ich musste weinen, als ich das sah", erzählt Abdul Bary Malik, ein Muslim-Vertreter im Ortsteil Manningham, der damals Zentrum der Kämpfe war. Ein BMW-Autohandel, aber auch Wohnhäuser gingen in Flammen auf.

Für Malik reicht der Konflikt in die 60er- Jahre zurück, als Bradfords Textilfabriken in den Dörfern Pakistans billige Arbeitskräfte anwarben. In der Thatcher- Ära gingen die Spinnereien jedoch Pleite, die arbeitslos gewordenen Zuwanderer und ihre Kinder bekamen die Ablehnung der Einheimischen zu spüren. Auch bei ihnen wuchs der Hass.

Nach den Unruhen, für die einige Jugendliche sechs Jahre Gefängnis ausfassten, versuchte die Polizei im Dialog mit Minderheitenvertretern wie Malik Vertrauen aufzubauen. Die Stadt brauche Ruhe, auch weil sie ihre Zukunft im Tourismus sieht. Bemühungen, Bradford, im 19. Jahrhundert Heimat der drei Romane schreibenden Brontë- Schwestern, zu Europas Kulturhauptstadt 2008 zu machen, schlugen aber fehl.

Zur Vertrauensbildung "haben wir mit den Minderheiten auch Versammlungen abgehalten, um unter ihnen Polizisten zu rekrutieren", erzählt Inspektor Baines. Bis 2010 sollen neun Prozent der 6000 Beamten Zuwanderer sein.

"Zum Teil sind das Lippenbekenntnisse", widerspricht die Lehrerin Riffat Akram. Nur wenige würden die Aufnahmeprüfung der Polizeischule schaffen, seit 9/11 würden auch viele Privatfirmen keine Muslime aufnehmen, sagt die Frau, die – wie ihre Geschwister und ihre Kinder – ein Universitätsdiplom erwarb.

Den Konservativen-Chef Michael Howard, der gegen die Einwanderung Stimmung macht, nennt sie "heuchlerisch". Howard, dessen Vater selbst Immigrant war, hatte von einer Verdreifachung des Ausländerzuzugs unter der Labour-Regierung gesprochen. Laut BBC lag die Zahl der wirtschaftlichen Einwanderer – mit rückläufiger Tendenz – 2004 bei 151.000, die Zahl der Asylsuchenden ging seit 2002 von 85.000 auf 30.000 zurück.

Bei Riffat Akram in Bradford West heißt der konservative Kandidat Haroon Rashid, der Liberaldemokrat Mukthar Ali; für Labour tritt als Favorit Marsha Singh, ein Inder, an. Wer gewählt wird, hänge aber nicht nur von der Partei ab, sondern auch davon, ob ein Kandidat dem eigenen Familienclan angehört.

In der kommunalen Radiostation BCB, wo 180 Freiwillige Sendungen in Sprachen wie Urdu, Hindi und Punjabi gestalten, ist sogar die Meinung zu hören, dass die Wahlentscheidung "von Dorfältesten in Pakistan" getroffen werde. Vielleicht ein Vorurteil, aber auch die Zuwanderer sind davon nicht frei. Ein Supermarktchef, dessen Eltern aus Pakistan einwanderten, hat nichts gegen eine gewisse Kontrolle. Es sei ja bekannt, dass die Flüchtlinge aus Bosnien nicht gerne arbeiten ...

In Keighley, einem Vorort von Bradford, tritt heuer Nick Griffin, der Chef der rechtsextremen BNP, zur Wahl an. Er nennt den Islam "bösartig" und ist wegen Aufstachelung zum Rassenhass verklagt worden. Den Wahlkampf führt er via Internet und in privaten Versammlungen.

Für Labour bemüht sich Ann Cryer um die Wiederwahl. Sie war zwar, im Widerspruch zur Parteilinie, gegen den Irakkrieg, machte sich aber mit einer Kampagne gegen Zwangsheiraten sowie mit der Forderung, alle Einwanderer müssten ausreichend Englisch lernen, unter diesen nicht nur Freunde. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2005)




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