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Dienstag, 15.04.2014


Terror mit zweierlei Maß

Tödlicher Terror eines amerikanischen Neonazis auf jüdische Einrichtung wird verharmlost und verliert sich wieder einmal in die Einzeltäter-Theorie - Amerikanisch-muslimische Organisationen zeigen sich solidarisch mit der jüdischen Gemeinde - Obama bestürzt

Bei einem Anschlag auf zwei jüdische Einrichtungen im US-Bundesstaat Kansas sind drei Menschen erschossen worden. Als Täter gilt ein 73-jähriges ehemaliges Führungsmitglied des rassistischen und rechtsextremistischen  Ku-Klux-Klans. Nach US-Medienberichten schoss der Mann am Sonntag auf dem Parkplatz vor dem jüdischen Gemeindezentrum von Overland Park einen 14-jährigen Jungen und dessen Großvater nieder. Anschließend fuhr er in das nahe gelegene jüdische Seniorenwohnheim Village Shalom, wo er eine Frau tötete. Die beiden männlichen Opfer gehörten laut Berichten der evangelisch-methodistischen Kirche an.  

Der Tatverdächtige wurde gefasst und soll den Angaben zufolge am Montagnachmittag (Ortszeit) dem Haftrichter vorgeführt werden. Auf dem Video-Portal Youtube veröffentlichte Aufzeichnungen seiner Festnahme legen nahe, dass er noch im Polizeiwagen «Heil Hitler» rief. Es soll sich um einen früheren Berufssoldaten handeln, der später der Neonazi-Gruppe «The Order» angehörte. Laut dem Sender NBC bewarb er sich erfolglos 1984 für die Demokraten um den Posten des Gouverneurs von North Carolina und 1987 um einen republikanischen Senatssitz 1987.



US-Präsident Barack Obama äußerte sich bestürzt über die Tat. Die Regionalleiterin der jüdischen Anti-Defamation League St. Louis, Karen Aroesty, sprach von einem «feigen, unsäglichen und heimtückischen Akt der Gewalt».   

Der Rat für Amerikanisch-Islamische Beziehungen, eine USA-weite Organisation von Muslimen, erklärte sich solidarisch mit der jüdischen Gemeinschaft. «Amerikaner aller Glaubensrichtungen müssen gemeinsam diese Art von extremistischen Ideologien zurückweisen, die zu solchen unentschuldbaren und skrupellosen Taten führen können», so der Rat.

Der Journalist Yassin Musharbasch kommentiert die Tat in der ZEIT folgendermaßen:

“Heil Hitler”, rief der Mann nach seiner Tat. Drei Menschen hatte er da soeben erschossen: Einen 14 Jahre alten Jungen und seinen Großvater, sowie eine bislang nicht identifizierte Frau. Der Tatort war ein jüdisches Gemeindezentrum in einem Vorort der US-Metropole Kansas City. Der Täter, Frazier Glen Miller, ist der Gründer und Anführer der Carolina Knights of the Ku Klux Klan sowie der White Patriot Party.

Es besteht also faktisch kein Zweifel daran, dass die Tat, die sich am Sonntag ereignete, antisemitisch motiviert war und von einem Rechtsextremisten und Rassisten begangen wurde. (Auch wenn, wie die New York Times berichtet, keines der drei Opfer jüdisch war; die Polizei, so das Blatt, gehe aber davon aus, dass Miller Juden töten wollte.) Trotzdem spricht kaum jemand von einem Terroranschlag. CNN, die New York Times und die Washington Post schreiben aktuell zum Beispiel von einem “Shooting” beziehungsweise einem “Shooting Spree“.

Wieso eigentlich? Wieso ist dieser offensichtliche Anschlag (nichts deutet etwa darauf hin, dass der Attentäter die Opfer kannte) kein Terror-Anschlag? Es gibt viele Terrorismusdefinitionen, aber die meisten kombinieren zwei Elemente: Die Opfer sind Zivilisten, und die Motivation ist ideologisch und/oder politisch. Trifft das in diesem Fall nicht zu?

Dabei geht mir hier nicht um die juristische Einordnung, sondern um journalistische Reflexe. Denn hinter dieser Nicht-Einordnung als Terrorismus steckt ein verdecktes Muster. Während jeder islamistische Einzeltäter durch die Beschreibung als Terrorist unterschwellig in eine Art internationale Szene einsortiert wird, bleibt jemand wie Frazier Glen Miller so nämlich ein Einzeltäter, und sein Anschlag ein scheinbarer Einzelfall.