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Dienstag, 07.01.2014


Islam-Theologie in Deutschland – Totgeburt einer jungen Disziplin?

Deutsche Wissenschaftliche Standards werden beim Islam über Board geworfen - Die wenigsten Professoren erfüllen die formalen Kriterien - „Karneval der Disziplinen“Von  Ali Yagiz

Seit den Empfehlungen des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2010 Zentren für Islamische Studien in Deutschland aufzubauen, um eine neue akademische Disziplin „Islamische Theologie“ zu etablieren, hat sich in den letzten drei Jahren an verschiedenen Universitäten in unterschiedlichen Bundesländern sehr viel getan. Es sind fünf Zentren bzw. Institute für Islamische Studien bzw. Theologien gegründet sowie an einigen Universitäten einzelne Professuren eingerichtet worden. Zum Teil wurde auch unter katholischer Regie wie an der Universität Paderborn Strukturen für islamische Studien eingerichtet. Es ist interessant in welchem rasanten Tempo eine völlig neue Disziplin – ohne jegliche Tradition und ohne akademisches Personal in Deutschland – in nur wenigen Jahren eine beachtliche Größe einnehmen konnte. Da fragt man sich, woher die Universitäten in so einem kleinen Zeitfenster die muslimischen Theologen „hergezaubert“ haben? Wirft man jedoch einen näheren Blick auf die einzelnen Standorte so wird sofort klar, warum dies möglich wurde, allerdings ist dieses Ergebnis sehr ernüchternd und man fragt sich: „Wie konnte das in einem Land wie Deutschland, in der bei universitären Berufungsverfahren die formalen Qualifikationskriterien so eindeutig festgelegt sind nur passieren?“. Dieses Problem, dass sich erst aufgrund der aktuellen Debatte um den Standort Münster allmählich zeigt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Beschäftigt man sich näher damit, so wird einem die Misere an den neuen Instituten und Zentren für Islamische Theologie sehr deutlich, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen.

Den Empfehlungen des Wissenschaftsrates folge leistend, haben Universitäten zunächst Personen für bekenntnisgebundene Professuren berufen. Dieser Prozess setzt zum einen voraus, dass eine mit muslimischen Professoren für Theologie besetzte Berufungskommission etabliert wird, die entsprechend ihren Expertisen einen muslimischen Wissenschaftler für diese bekenntnisgebundenen Professuren beruft. Zweitens setzt es voraus, dass dieser potenzieller Bewerberkreis hierzulande existiert, um entsprechend nach einem erfolgreichen Bewerbungsverfahren – mit der Einhaltung der formalen Kriterien wie Studium, Promotion und Habilitation bzw. habilitationsäquivalenten Leistungen – sich auf diese Professuren zu qualifizieren. Die Realität an diesen neuen Standorten zeigt leider, dass wohl bei den Muslimen andere Maßstäbe gelegt werden als wissenschaftliche Kriterien wie etwa bei der evangelischen oder katholischen Theologie. Blickt man auf die Lebensläufe und Qualifikation der neuen Professoren für Islamische Theologie so bleibt einem nicht anderes übrig als nur mit dem Kopf zu schütteln. Nur die wenigsten Professoren erfüllen die formalen Kriterien. Ansonsten findet man einen bunten Blumenstrauß an Qualifikationen und wo man sich denken muss: „Was ist hier schief gelaufen?“ oder etwa böser formuliert „Wollte man das so?“



Da findet man Soziologen die nur über ein Fernstudium Bachelor „Islamische Theologie“ verfügen, Philosophen, Orientalisten, Osmanisten, Erziehungswissenschaftler usw., die alle ohne theologisches Studium und ohne Dissertation, also ganz ohne einschlägige  Qualifikationen, als „Theologen“ in Deutschland Reform-Theologen spielen und in der Gesellschaft gefeiert werden. Würde ein Soziologe oder ein Religionswissenschaftler ohne theologisches Studium, ohne Dissertation und Habilitation sich auf eine Professur für katholische oder evangelische Theologie bewerben, so würde diese Bewerbung an den Fakultäten lange in Erinnerung bleiben, allerdings an der Wand als „Witz des Jahrzehnts“. Warum werden die Maßstäbe bei der Islamischen Theologie so niedrig angelegt und eine Wissenschaftstradition mit einer über 1000 Jahre alten Tradition so respektlos umgegangen? Eine weitere Frage lässt diese gesamte Misere nochmals in einen noch schlechteren Licht erscheinen, und zwar die Frage: Wer hat diese Personen ausgewählt? Saßen in diesen Berufungskommissionen Experten, also muslimische Theologen? Das sollte man doch erwarten, oder? Wenn eine Professur für Physik, eine Professur für Chemie oder für evangelische/katholische Theologie berufen wird, wird dieser Wissenschaftler von Experten aus der selben Disziplin ausgewählt.


Skandal: Berufungskommissionen ohne oder kaum mit muslimischen Theologen besetzt

Wenn die Universitäten damit argumentieren, dass dieses Bewerberpotenzial in Deutschland nicht existiere, hätte man mit internationalen Wissenschaftlern arbeiten können, bis man in zehn bis fünfzehn Jahren entsprechende Nachwuchswissenschaftler ausbildet. Und überhaupt, warum sollte man verschlafene 50 Jahre Integrationsarbeit in fünf Jahren aufholen, und zwar noch bei Etablierung von wissenschaftlichen Instituten ohne eine deutsche Wissenschaftstradition? Jeder der etwas Ahnung von universitären Strukturen hat weiß, dass dies ein jahrelanger Prozess ist, der sehr bedacht gegangen werden muss. Es sei denn, man baut nur eine Fassade auf und setzt nicht auf Qualität. Das rasante Tempo legt daher den Verdacht nahe, dass man in Deutschland in sehr kurzer Zeit Fakten schaffen möchte, damit die Islamischen Organisationen und die muslimische Basis sich mit dieser Misere zwangsläufig arrangieren müssen. Diese Rechnung wird sich jedoch rächen, spätestens dann, wenn diese Fassade langsam zu bröckeln beginnt und die muslimische Community anfängt fragen an die Politik und an die Universitäten zu stellen. Das ist ihr gutes Recht, schließlich geht es um ihre Institutionen, um ihre Zukunft, in der sie jedoch nicht wirklich involviert sind. Nicht einmal im Sinne des Grundgesetzes – wie in den Bundesländern – mit theologischen Beiräten. Wenn sie vertreten sind, so wird ihnen in der Regel der gesamte Prozess der Auswahl der Professoren nicht transparent vermittelt, sondern nur Personen zur Wahl gestellt, die die Universitäten angeblich „nach wissenschaftlich-theologischen“ Kriterien ausgewählt haben. Schaut man die Ebene der Nachwuchswissenschaftler – der Doktoranden und Post-Docs –, so wird die Situation auch nicht besser. Wie auch? Denn wiederum diese als „Theologen“ berufenen Nicht-Theologen sind dafür verantwortlich diesen Nachwuchs zu qualifizieren. Dass dabei nicht viel rausgekommen kann, liegt auf der Hand. Auch hier ist ein „Karneval der Disziplinen“ – von Politikwissenschaftlern, Philosophen, Pädagogen usw. – vorzufinden, aber von Theologen fehlt jede Spur. In islamischen Ländern findet die religiöse Bildung in der Regel direkt nach der Grundschule in religiösen Mittelschulen bzw. Gymnasien statt. Danach folgt ein Studium (Bachelor, Master). Bis zur Promotion erwirbt man sich ein solides theologisches Wissen sowie Arabischkenntnisse. Mit der Dissertation und der Krönung der Habilitation, darf man sich als Professor für Islamische Theologie mit entsprechenden Schwerpunkten in Tafsir, Hadith usw. nennen. Hierzulande scheint  sich die Hochschulpolitik und die Universitäten sich eher mit einem Volkshochschulniveau zufrieden zu geben. Wenn dies im Sinne des Wissenschaftsrats war, bleibt nur abschließend zu resümieren: Armes Deutschland, arme Muslime.

Zum Autor: Der Studierte Diplom-Lehrer Ali Yagiz (51) ist freier Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, kulturelle Fragen sowie Muslime in Deutschland