Newsnational Sonntag, 13.01.2013 |  Drucken

Nach Bombenleger in Bonn wird nun in rechter Szene gesucht

Experten gehen mittlerweile davon ausgehen, dass die Bombe am Bonner Hauptbahnhof nicht sprengfähig war. Warum wurde hasstig schon ein bestimmtes Täterprofil herausgegeben und welches Interesse könnten Neonzis dabei gehabt haben?

(SPIEGEL; WELT; FAS; RP und Eigenen) Bonn/Berlin - Die Bundesanwaltschaft habe inzwischen das neugegründete Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus eingeschaltet, um mögliche Spuren in die rechtsextreme Szene zu ermitteln, schreibt der "Spiegel" mit Verweis auf einen vertraulichen Lagebericht. Das Bundeskriminalamt habe die Ermittlungen "in alle Richtungen" ausgeweitet.

Ob die Täter tatsächlich in der sogenannten islamistischen Szene zu finden seien, werde immer mehr bezweifelt. In der Weihnachtszeit klang das noch als fast sicher. Sogar Namen (Vor-und Zunamen) sind in den Medien genannt worden, ohne Rücksicht auf Personenschutzrechte. Das Fahndungsfoto der Polizei hat keinen Hehl daraus gemacht, dass man in eine bestimmet Richtung ermittelt. Der Täter war quasi schon ausgemacht.

Jetzt wir seitens der Fahnder spekuliert: denkbar sei auch ein unpolitisches Motiv, etwa eines Erpressers oder einer "psychisch erkrankten Person". Man fragt sich, was gibt es politischeres, als dass mutmaßlich Rechtsradikale einen fingierten Anschlag im Namen von muslimischen Terroristen vorgaukeln?  Wird doch dadurch der allerorts verbreitete Extremismus –Vorbehalt gegenüber Muslimen verstärkt. Das wiederum nützt den Rechten in ihrem Propagandafeldzug „Islamisierung Europas“ und bestärkt sie weiter in ihren hasserfüllten und menschenverachtenden Aktivitäten.

Unterdessen stellt sich zudem laut "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" heraus, dass die abgestellte Bombe gar nicht hätte explodieren können. "Die Bombe war nicht sprengfähig, weil ein Zünder fehlte", zitiert das Blatt einen hohen Sicherheitsbeamten. Bislang waren die Ermittler davon ausgegangen, dass die Bombe tatsächlich hätte detonieren können. Sie sei nur wegen eines Baufehlers nicht explodiert. Darauf hätten ein niedriger Ladestand der Batterien und Schmauchspuren an der Tasche hingewiesen, in der die Bombe transportiert worden war. Diese Information wird der Öffentlichkeit erst heute zugänglich-  sage und schreibe nach über einem Monat nach Bekanntwerden des Falles.

Auf dem Bonner Hauptbahnhof hatte am 10. Dezember ein Unbekannter eine Sporttasche mit einem Sprengsatz abgestellt. Dieser explodierte nicht, die Bombe wurde von Experten zerstört. Der Täter ist auch einen Monat nach dem Anschlag noch nicht identifiziert. Wichtige Hinweise lieferte die Videoaufnahme einer Überwachungskamera eines Schnellrestaurants am Bahnhof. Darauf zu sehen ist ein blond-bärtiger Mann mit Mütze und Handschuhe, den die Ermittler derzeit im Verdacht haben, der Bombenleger zu sein. Das Phantom-Bild, was bis heute in allen Bahnhöfen und öffentlichen Einrichtungen zu sehen ist, stellt einen dunkelhäutigen Typen dar.

Bei der Suche nach den Tatverdächtigen führten dem "FAS"-Bericht zufolge die Spuren in die radikalislamistische Bonner Szene bisher nicht weiter. Es werde davon ausgegangen, dass die Bundesanwaltschaft den Fall in den kommenden Wochen wieder abgeben werde. Diese hatte im Dezember den Fall wegen des Verdachts übernommen, dass es sich um einen versuchten Sprengstoffanschlag einer radikalislamischen terroristischen Vereinigung handeln könne. Das Bundeskriminalamt (BKA) wurde mit den Ermittlungen beauftragt.

Hier fragt man sich wieder, warum ermittelt die Bundesanwaltschaft jetzt nicht erst recht? Welches politisches Signal bekommt eine solche Abgabe an die örtlichen Behörden? Ist etwa ein Terroranschlag von nichtmuslimischen Terroristen weniger gefährlich? Beklagt werden doch am Ende Tote und Verletzte, Unschuldige. Da ist es doch egal, wer die menschenverachtende, religionsverneinende – und instrumentalisierende Straftat beging? Solche Täter gehören ausfindig, den Prozess gemacht und verurteilt. Sie stellen eine große Sicherheitsgefahr für uns alle dar!

Aufschluss über den möglichen Täter erhoffen sich die Ermittler nach einem Bericht der "Welt" durch ein am Tatort gefundenes Haar. Dieses sei in der blauen Sporttasche entdeckt worden, in der die Bombe versteckt war, berichtete die Zeitung am Samstag. Dem Bericht zufolge handelt es sich um das Haar eines hellhäutigen, männlichen Europäers oder Nordamerikaners. Es sei ersten Untersuchungen zufolge offenbar blond gefärbt worden. Ob es sich für eine DNA-Analyse eignet, sei bislang unklar. Die Ermittler gingen davon aus, dass das Haar von dem Bombenleger stamme.

Bundesanwaltschaft und BKA wollten sich auf Anfrage zu den Berichten nicht äußern. Sprecher beider Behörden verwiesen auf Anfrage auf die laufenden Ermittlungen.



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