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Donnerstag, 11.08.2011 | Drucken |

Mitherausgeber von zenith und Geschäftsführer des Deutschen Levante Verlages, Jörg Schäffer
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„Was im Kopf bleibt ist das Bild“
Interview über den Zenith Fotowettbewerb „Islam in Deutschland?“ mit dem Geschäftsführer des Deutschen Levante Verlages, Jörg Schäffer.
islam.de: Wie kam es zu der Idee für diesen Wettbewerb?
Jörg Schäffer: Sie kam erstmals vor zwei Jahren auf. Schon damals hatten wir den Eindruck, dass die sogenannte Islam- und Integrations-Debatte teilweise völlig an den Lebenswirklichkeiten und der Alltagsrealität von in Deutschland lebenden Muslimen und Einwanderern vorbei führt. Geschrieben wird viel, auch sehr viel Kontroverses. Doch leider wird immer nur über Menschen gesprochen, selten mit den Menschen, um die es dabei geht. So kommt man sich schnell als Spielball selbstherrlicher Schwadroneure vor, ohne aber dabei das Gefühl zu haben, dass man Teil der Diskussion ist. Dieses Momentum wollten wir durchbrechen und eine neue Diskussionsebene erreichen. Gleichzeitig wollten wir aber auch das Bild des Islams in den Medien in Frage stellen. Ein journalistischer Artikel kann noch so differenziert sein und noch so gut recherchiert, entscheidet sich die Bildredaktion für ein Bild, das wieder nur Klischees reproduziert, ist der ganze Ansatz des Journalisten hin. Was im Kopf bleibt ist das Bild, nicht unbedingt der Artikel. Von daher möchten wir auch, dass Deutschlands Bildredakteure sich durch den Wettbewerb selbstkritisch hinterfragen, welche Aussagen mit welcher Bildauswahl sie eigentlich treffen. Ich bin sehr froh, dass Deutschlands wichtigste Bildredakteure diese Herausforderung angenommen haben und sich als Jury-Mitglieder für den Fotopreis zur Verfügung gestellt haben. Mit Ruth Eichhorn (Bildchefin des GEO-Magazins), Andreas Trampe (Bildchef vom Stern) und Bernd von Jutrczencka (Bildchef der Deutschen Presse Agentur) nenne ich nur einige der sehr prominent besetzten Jury.
islam.de: Warum haben Sie sich gerade für das Foto als Gegenstand der Ausschreibung entschieden?
Jörg Schäffer: Das Medium der Fotografie kann nicht nur Momentaufnahmen liefern, sondern ganze Geschichten erzählen. Und das ohne dabei ein Wort zu verlieren. Es ist still und gleichzeitig einprägender als jedes andere Medium. Wenn wir denken, denken wir auch in Bildern. Fotos sind daher ein mächtiges Instrument unsere Meinung und damit verbundene Gefühle zu steuern. Und, heutzutage kann jeder Fotos machen und damit das was einem bewegt und was man dabei fühlt zum Ausdruck bringen. Oder einfach nur einen Teil seiner Realität abbilden. Der Fotopreis ist somit am Ende auch ein gesellschaftliches Abbild dessen, wie das Bild über den Islam in Deutschland tatsächlich aussieht. Als Diskussionsbeitrag spielen Fotos natürlich auch deshalb eine wichtige Rolle, weil sie in unserer digitalisierten Welt schnell multipliziert und so von vielen Menschen, nicht nur in Deutschland, wahrgenommen werden.
"Nun ja, wir werden mit Sicherheit die Sarrazins dieser Welt nicht bekehren können"
islam.de: Ist das Thema “Islam in Deutschland?” nicht ein wenig allgemein? Was ist ihre Erwartung an die Einsendungen?
Jörg Schäffer: Dies haben wir bewusst so ausgewählt, um möglichst viele Perspektiven zuzulassen und einen größtmöglichen Raum für den kreativen Umgang mit dem Thema zu ermöglichen. Es können Geschichten vom Leben von Muslimen dabei entstehen, genauso wie Zeugnisse Ihres kulturellen Lebens oder auch der städtischen Veränderung (…). Wir wollen ein möglichst breites Bild vom Islam in Deutschland. Und eben nicht nur die Reproduktion von Klischees. In unserem Titel steht ja hinter "Islam in Deutschland" auch ein Fragezeichen. Ist es überhaupt ein religiöses Thema oder nicht viel eher eine Integrationsthema?
islam.de: Wurden bereits Beiträge eingereicht?
Jörg Schäffer: Oh ja, selbstverständlich. Die ersten Beiträge werden in ca. zwei Wochen auch schon in der Mediathek zu sehen sein. Dort können dann die User über die Bilderstrecken auch abstimmen und so mitbestimmen, wer in die Endauswahl im Oktober kommt. Alleine in den ersten zwei Wochen haben sich bereits über 200 Leute zum Fotopreis angemeldet...
islam.de: … und welche Gruppe fühlt sich angesprochen?
Jörg Schäffer: ... Jeder. Wir schreiben den zenith-Fotopreis bewusst auch an Fotoamateure aus, nicht nur an Profis. Was man vielleicht aufgrund des schlechteren Equipments und der Erfahrung im Umgang mit Fotokameras im Vergleich zu Profis verliert, kann man durch ein starkes und überzeugendes Konzept wieder wet machen. Und das schöne ist: Veröffentlich wird jeder, sofern er die Regeln der Teilnahmebedingungen erfüllt. Wir würden uns natürlich auch sehr darüber freuen, wenn aus der muslimischen Community selbst Initiativen kämen am Fotopreis mitzumachen. Gerade jetzt in der Zeit des Ramadan stelle ich mir hier viele Situationen von Foto-Geschichten vor, zu denen Deutsche vielleicht nicht so den Zugang haben. Schließlich wollen wir ja nicht nur die Sichtweise deutscher Fotografen auf Muslime sondern auch die Sichtweise von Muslimen auf sich selbst. Gerade dieser Spannungsbogen macht den Reiz am zenith-Fotopreis aus.
islam.de: Heutzutage hat doch jeder eine Kamera im Handy. Wird da nicht viel "verwaschenes" Material auf Sie zukommen?
Jörg Schäffer: Handy-Fotos können mittlerweile eine hervorragende Qualität abliefern. Wenn Sie sich einmal die aktuelle Ausgabe von zenith anschauen, sehen Sie eine sehr beeindruckende Foto-Reportage von dem New Yorker Michael Christopher Brown aus Libyen. Er wurde durch ein Schrapnell an der Schulter schwer verletzt und musste operiert werden, seine Fotoausrüstung wurde komplett zerstört. Dennoch blieb er und machte all seine Bilder mit dem noch übrig gebliebenen Iphone. Er selber sagte später, dass er durch die Arbeit mit dem Iphone sich weniger auf Kompositionen als vielmehr auf bestimmte Situationen konzentriert hat, die er versuchte einzufangen. Sie sehen, mit Handy-Fotos oder verwackelten Bildern haben wir wenig Probleme, solange eine Idee dahinter steckt.
islam.de: Wo werden die Ergebnisse veröffentlicht?
Jörg Schäffer: Alle Einsendungen werden auf zenithonline.de veröffentlicht. Die besten zehn bis zwanzig Fotos schaffen es dann auch in einen Fotoband, den wir zur Dokumentation des Foto-Preises veröffentlichen und allen Teilnehmern kostenlos zusenden werden. Darüber hinaus werden diese auf den Onlineseiten unserer Medienpartner des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL und des Wochenmagazins Der Freitag veröffentlicht. Der Gewinner schafft es sogar ins zenith-Magazin selbst. Ebenfalls ist eine internationale Wanderausstellung geplant.
islam.de: Was leisten Sie mit dem Fotopreis für unsere Gesellschaft, und für die muslimischen Gemeinden?
Jörg Schäffer: Nun ja, wir werden mit Sicherheit die Sarrazins dieser Welt nicht bekehren können, aber wir schaffen eine neue Perspektive in der Diskussion. Und können eventuell durch die zum Glück große mediale Aufmerksamkeit mit dem Foto-Preis etwas dazu beitragen, das derzeitige Bild über Muslime in Deutschland mit den Bildern des Foto-Preises zu überlagern und somit die Bewusstseinserfahrungen vieler Menschen erweitern. Das wiederum könnte neue Ansätze in der Debatte generieren und die Medien selbst im Umgang mit Bildern sensibilisieren. Wir haben fast zwei Jahre lang versucht Sponsoren hierfür zu finden. Bei Unternehmen sind wir hier auf Granit gestoßen, keiner wollte Geld geben. Besonders enttäuscht waren wir von den großen Kamera-Herstellern. Sie wollten auch zum Schluss nicht, nachdem wir den Bundespräsidenten als Schirmherrn gewinnen konnten, Sachspenden, wie Kameras oder ähnliches zur Verfügung stellen. Die Angst, dass auch nur irgendwer hier etwas Negatives denken könnte, ist zu groß. Zum Glück haben wir aber mit der Stiftung Mercator und ihrem Geschäftsführer Dr. Bernhard Lorenz einen sehr offenen und wichtigen Partner gefunden ohne die der Foto-Preis niemals hätte stattfinden können. Auch Herrn Bundespräsident Wulff sind wir sehr dankbar, dass er sich diesem Thema so angenommen hat.
islam.de: Herr Schäffer, wir danken Ihnen für das Gespräch
Jörg Schäffer, 33, ist Mitherausgeber von zenith und Geschäftsführer des Deutschen Levante Verlages, der neben zenith auch andere Publikationen zur islamischen Welt herausgibt. Darüber hinaus ist er im Beirat der Deutsch Arabischen Gesellschaft.
Das Interview führte Maaged Mazyek, C.T.O. islam.de

Das Bild zeigt eine Doppelseite aus der im Text erwähnten Fotostrecke, die Brown mit seinem Iphone gemacht hat.
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