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Freitag, 30.07.2004

Nadeem Elyas im TAZ-Interview: "Die Hemmschwelle vor den muslimischen Gotteshäusern sinkt"

Wir haben nur einen Dialog zwischen Herrn Schily und den Innenministerien der Länder - über die Muslime, aber nicht mit ihnen.

taz: Herr Elyas, kürzlich wurde in Frankfurt eine Moschee mit großem Aufwand durchsucht. Gefunden wurde allerdings nichts. Ist dies ein Einzelfall?

Nadeem Elyas: Nein, eher ein Paradebeispiel dafür, wie leichtfertig man mit den Gefühlen der Muslime umgeht: Man hat einen Hinweis von einem neunjährigen Mädchen. Man beschattet es, um zu sehen, in welche Moschee es geht, und stürmt diese dann mit fast 200 Mann. Das zeigt, wie die Hemmschwelle vor den muslimischen Gotteshäusern gesunken ist. Seit dem 11. September und der Abschaffung des Religionsprivilegs gab es bis zu 70 Razzien in Moscheen und über 1.400 Büro- und Hausdurchsuchungen: Fast alle endeten ergebnislos. Es gab Fälle, wo Moscheen während des Freitagsgebets durchsucht oder Menschen stundenlang festgehalten wurden, um Personalien zu kontrollieren. Wir haben bisher von keinem Ergebnis gehört, das diesen Aktionismus rechtfertigen würde.

In Frankfurt lautete der Verdacht, ein Enthauptungsvideo sei gezeigt worden. Können Sie ausschließen, dass so etwas in einer Moschee vorkommt? Selbst als Leiter einer Moschee kann man ja nicht jedes einzelne Mitglied seiner Gemeinde im Blick haben.

Möglich ist alles. Aber es kommt hier auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel an. Wenn ein Verdacht vorliegt, heißt das nicht, dass man mit 200 Mann in eine Moschee stürmen muss.

Was hätten Sie der Polizei in Frankfurt denn empfohlen?

Man hätte doch durch verdeckte Ermittlungen während des Unterrichts oder in den Räumen der Moschee dem Verdacht nachgehen können, dass dort Terrorvideos gezeigt werden. Bei der Durchsuchung hat man ja noch nicht mal ein Videogerät gefunden!

Erwarten Sie ein Nachspiel?

Solche Nachspiele gab es schon öfters. Da wurde vor Gericht gegen die Durchsuchung geklagt, meist mit einem positiven Ergebnis für die Moscheegemeinde. Aber man hört nichts davon, und der Ruf ist ruiniert.

Liegt es nicht an Ihnen, dem Zentralrat, stärker an die Öffentlichkeit zu gehen und dagegen Protest einzulegen?

Man kann das nicht jedes Mal machen. Jede betroffene Moschee gibt nach einer solchen Durchsuchung oder einem gerichtlichen Urteil eine Erklärung ab. Aber ob die Medien das dann aufgreifen, das liegt nicht in unserer Macht.

Wie repariert man einen solchen Imageschaden?

Das ist kaum zu reparieren. Wir wissen von anderen Moschee-Gemeinden, dass das Verhältnis zur Nachbarschaft völlig ruiniert worden ist. Man beäugt diese Leute dann mit Misstrauen, egal was für ein Ergebnis bei den Ermittlungen herauskommt. Deshalb weisen wir bei unseren Schulungen und Imam-Seminaren darauf hin, dass man im Vorfeld das Verhältnis zur Nachbarschaft, zu den Medien und den Kommunen festigen muss, damit so etwas später wenig Schaden hinterlässt.

In Frankfurt hat man das ja gemacht: Die Moschee genoss bislang einen guten Ruf.

Diese Moschee hat nach dem 11. 3. gegen die Attentate von Madrid protestiert und Dialogbereitschaft gezeigt. Aber man sieht ja, wie wenig das nützt.

Würden Sie sich von anderen Religionsgemeinschaften mehr Solidarität wünschen?

Das wünschen wir uns sehr. Politiker sagen ganz offen: Wir wollen der Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Das heißt, wir machen das nur, damit der Bürger ein Gefühl der Sicherheit bekommt. Dagegen muss man protestieren. Wie würde die Öffentlichkeit reagieren, wenn eine Synagoge in dieser Art und Weise durchsucht werden würde? Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Kirchen und den Gewerkschaften. Aber auch diese sind verunsichert und fragen sich: Was ist, wenn an den Vorwürfen doch was dran ist?

Wie kann man den Terrorismus besser bekämpfen?

Die Behörden wissen genau, dass nicht alle Muslime eine Gefahr darstellen; auch nicht die 30.000, die im Verfassungsschutzbericht stehen. Die Behörden sprechen von 200 Personen, die gewaltbereit sein sollen - auf sie sollte sich die Aktivität der Polizei konzentrieren. Solche Leute suchen nicht Moscheen auf, um etwas zu planen. Sie haben ihre eigenen Räume, ihnen reicht eine konspirative Wohnung. Deshalb ist es völlig sinnlos, solche Maßnahmen an den Tag zu legen. Anstatt die breite Masse der Muslime als Partner und Freund in diesem Kampf zu gewinnen, erzielt man damit genau das Gegenteil: Einige ziehen sich zurück, andere sehen ihre Befürchtungen und Vorurteile bestätigt.

Funktioniert das anderswo besser?

Auch in den USA herrschen eine verschärfte Sicherheitslage und eine negativ aufgeladene Atmosphäre gegenüber Muslimen, viel mehr als in Deutschland. Wir sehen aber auch, wie dort das Vertrauen wieder aufgebaut wird: Der Präsident besucht Moscheen oder lädt zum Ramadan muslimische Vertreter zu sich ein. Seit dem 11. 9. hat das dort nicht nachgelassen. In Deutschland sehen wir das Gegenteil, ein Dialog mit den islamischen Organisationen findet praktisch nicht statt. Wir haben nur einen Dialog zwischen Herrn Schily und den Innenministerien der Länder - über die Muslime, aber nicht mit ihnen.(Das Interview führte Herr Daniel Bax/Taz)